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Wolf Jurjans

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2005-09-02

Grenzenlose Frustration

Wer glaubt, dass Frustration nur auf der schattigen Seite der sozialen Grenze den Alltag bestimmt, wird in einem Kommentar des "Wirtschaftsblattes" eines Besseren belehrt. Dort sieht man die "westliche Welt und ihre Lebensweise" auf dem Prüfstand. Eine Welt, in der die Konjunktur nicht anspringt, das Heer der Arbeitslosen immer größer wird und die Angst vor der "Pensionslücke" ebenso steigt wie die vor dem Terror. Und in der die Investoren nicht wissen, was tun mit ihrem Geld. Sparbuchzinsen bringen nichts, Anleihen kaum mehr als die Inflationsrate, bei den Immobilien verhindert einzig die Niedrigzinspolitik das Platzen der Blase und im Gebälk der Aktienmärkte hört man es kräftig knarren. Angesichts derart beklemmender Gewinn-Aussichten ist es für den Kommentator kein Wunder, wenn sich die Bedrückten auf die Suche nach "dem Anderen" begeben und ihren Anlagehorizont erweitern.

Und wohin führt der Wunsch nach Sicherheit in unsicheren Zeiten? In die gute, alte Kaiserzeit. Der Handel mit so genannten "Memorabilien" boomt, der Preisplafond ist noch lange nicht erreicht. Getrieben wird der Preis von zwei Faktoren. Vom "Fürstenbonus", das heißt, der Prominenz und der Herkunft eines Objekts, und der Tatsache, dass Stücke, die Jahrhunderte in einem Schloss in Europa als Familienbesitz weggesperrt und gut aufbewahrt wurden, nun zum ersten Mal frisch auf dem Markt sind.

Was man unter einer "Memorabilie" versteht? Na, zum Beispiel einen schwarzen Stein, über den sich die Kaiserin Sissi auf der Insel Santorin "derstessen" hat und den sie von da an als Briefbeschwerer benützte. 2.180 Euro war einem Sammler dieser Stolperstein wert. Mehr investierte da ein Sissi-Fan für ihre seidenen Schuhe, 17.440 Euro. Denselben Erlös brachte der Verkauf eines Tuches der ehemaligen Königin von Frankreich, Marie Antoinette. Das war die, die mit den Frustrationen ihrer Untertanen, heute würde man sagen, "wenig professionell" umging. Als das hungernde Volk Brot forderte, gab sie den Rat, ihm doch Kuchen zu geben. Das nahmen ihr die Frustrierten krumm und stellten die königliche Welt samt ihrer Lebensweise auf den Prüfstand. Die alte Welt hielt der Prüfung nicht stand und Marie Antoinette verlor ihren Job. Und nicht nur den.