Logo HEUTE

HEUTE
HINTERGRUND
ANGEBOTE
TERMINE
KONTAKT

Melina Klaus

Druckversion

2005-08-04

Alltag in der Republik

Im grünen Prater wird also ein Einkaufszentrum entstehen. (Es wurde darüber an dieser Stelle berichtet.) Noch immer stehe ich unter dem Eindruck des Versprechens der Betreiber, eine "Wohlfühl-Oase" werde es sein. Viel bewusster konnte ich so auch meinen Ikea-Besuch dieser Tage erleben. Neuerlich amüsierte und faszinierte mich die (mittlerweile abgelaufene) Kampagne "Go cubic". Ikea hat aufgehört "flach zu denken und angefangen, Räume aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Eine Perspektive, die beim Einrichten nicht nur den Boden, sondern auch alle Wände bis unter die Decke mit einbezieht" (!) Als ob wir bisher lediglich unsere Zimmerböden eingerichtet hätten. Aber so funktionierts. So können die Cubic-DesignerInnen selbst uns, die wir ohnehin den/das Ivar bis unter die Decke gestapelt und aneinandergeschraubt haben, mit "Innovationen" ins Möbelparadies locken. Ob wir am Weg zur "nötigen" Badezimmerlampe oder zu den fehlenden Regalbrettern für die wachsenden Bücherberge und CD-Sammlungen bei den Duschvorhängen, Servietten oder den Sofas dann doch verweilen und wie viele Teile wir an welcher Ecke zur näheren Betrachtung gar berühren, untersuchen bei Ikea ja angeblich sporadisch sogenannte "SchrittforscherInnen". Und ich, ich bin sowieso ein offenes Buch mit der "neuen familiy card", die ab sofort bei jedem Einkauf vorgelegt werden "muss". Wenn ich nun in "Nord" und "Süd" (so die liebevollen nicknames der Wiener Standorte) Kilometer mache, wissen sie ohnehin immer, was ich esse und was ich kaufe. Beruhigt kann Ikea also Kipferln und Weihnachtsbäume verschenken, denn kaum eine verlässt ohne Einkauf das Haus, die meisten werden wohl nicht mal die "Nur-bis-zu-drei-Produkte-Schnellkassa" in Anspruch nehmen können.

Die Einkaufsstrapazen vergessen, das Einkaufserlebnis abrunden ließ ich mir von einem Video-Vergnügen. Der deutsche (Doku-)Filmemacher Harun Farocki führt uns nach der Welt der deutschen TV-Game- und Talkshows in der Doku "Geld und Spiele" in eine weitere eigentlich recht gespenstische Sphäre: In "Die Schöpfer der Einkaufswelten" planen Architekten, Bauherren, Kaufleute und PR-ManagerInnen Shoppingmalls und diskutieren Verkaufskonzepte. Ein Lehrstück! "Kein Gassenverlauf" bedeutet die Vermeidung von unüberschaubaren Ecken in der Mall. "Frequenzbringer" in der Mall, das sind z. B. Sparkassen, "Cash Cow" steht für ein ertragreiches Objekt, "Anchor Store" ist ein umsatzstarker Mieter, ohne den keine Mall funktioniert, meist ein Magnet in Sachen Lebensmitteln oder Textil. PC-Programme, die Videos der Schritte in der Mall, die wir gehen, in Zahlen verwandeln. Schritt- und BlickforscherInnen, die Tipps zur Anbringung von Logos geben. Wie werden "Griechen", "Italiener", "Eis" und "Wiener Kaffeehaus" kombiniert und gegen "Miami Vice-Ambiente" abgewogen, um ein "Gestaltungslayout" für die Gastronomie in der Mall zu planen. Grundregeln der Warenpräsentation, Unterschiedliche Verkaufszahlen von Butter, je nach Regalposition � Sekt, Spirituosen, Süßwaren und Knabbereien heißen übrigens "Abendbereich".

Und bevor das alles irgendwie unheimlich wird, wird es amüsant. Denn dann kommt der Marketingberater von Gössl-Trachen, Salzburg. Er möchte die Trachtentradition ins "Heutige" übersetzen � "Wenn heute einer im Geschäftsleben steht und sucht in dieser Globalisierungsfalle (!) einen Halt oder eine Geschichte, wo er eine Identität erkennt, dann ist Gössl ein wunderbarer Problemlöser in der Businesswelt." Quasi "Authentische Tracht heute � Problemlöser für aktuelle Themen." Auf einem Workshop mit leitenden Angestellten schwärmt und schwadroniert er von der zukünftigen Firmengeschichte: "Wir müssen kommunizieren: Du armes Würstel, heute bist Du in New York, morgen bist Du in Singapur, siehst Deine Familie nicht mehr, hast nur Druck, täglich musst Du umlernen, musst nach allen Richtungen gehorchen, aber hast Du eigentlich noch ein Wertesystem, wo Du Dich anhalten kannst? Und da zeigt dann der Gössl auf und sagt, ja bei mir schon!"

Der Film mit weiteren schrulligen Ansagen wie dieser läuft (hoffentlich weiterhin) immer mal wieder in Programmkinos oder im TV.