2005-03-12
Ein Aufruf zum Widerstand
Heute vor 67 Jahren marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Am Tag zuvor war die österreichische Regierung zurückgetreten. Kanzler Schuschnigg überließ den Schutz Österreichs dem lieben Gott; das österreichische Bundesheer verschoss nicht einmal eine Platzpatrone, und die politischen Eliten des Landes, sofern sie nicht nationalsozialistisch orientiert und in Siegesstimmung waren, schwankten zwischen Begeisterung und Opportunisimus. Die österreichische Amtskirche begrüßte die neue Lage durch den Mund des Kardinals Innitzer mit einem zünftigen "Heil Hitler", und die Gallionsfigur der österreischen Sozialdemokratie, Dr. Karl Renner, begrüßte den Anschluss "freudigen Herzens". Es blieb zu diesem Zeitpunkt der vom Schuschnigg-Regime in die Illegalität gedrängten KPÖ vorbehalten, für das einzige historisch relevante Dokument eines österreichischen Widerstandswillens zu sorgen. In einem Prager Cafe noch in der Nacht vor dem Einmarsch verfasst, spiegelt es die Hoffnung wider, dass die nationalsozialistische Annexion so viele Österreicher und Österreicherinnen zum Nachdenken bringt, dass sich daraus spürbarer nationaler Widerstand über Parteigrenzen hinaus entwickelt. Der Autor des Aufrufs, der Wiener Kommunist und Redakteur der in Prag erscheinenden "Roten Fahne" Erwin Zucker-Schilling, beschreibt die Entstehung des Aufrufs so:
"Ich schrieb den Entwurf in einem Zug, wozu wohl die fieberhafte Erregung jener Stunden beigetragen hat. Mit zwei Genossen hatte ich für den späten Abend noch eine Zusammenkunft vereinbart, um mit ihnen den Text durchzugehen, ehe ich ihn am Morgen der Leitung zur Bestätigung vorlegte. Einer davon war, wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, Genosse Oskar Grossmann. (...) Am frühen Morgen des folgenden Tages legte ich den Entwurf des Aufrufes, der ein historisches Dokument im Befreiungskampf Österreichs werden sollte, Johann Koplenig und den anderen Genossen der Leitung vor. Es wurden nur wenige Korrekturen vorgenommen und beschlossen, ihn als Sondernummer der 'Roten Fahne', die damals illegal in Reichenberg (heute Liberec) gedruckt wurde, ins Land zu bringen und ihn im Ausland an möglichst vielen Stellen zu veröffentlichen. Darunter 'Rud� Pr�vo' und das deutschsprachige Organ der KPTsch 'Rote Fahne' und die 'Rundschau' in Basel" (zitiert aus der Dokumentation "Anschluß" 1938 des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes).
Der Aufruf war keine papierene Absichtserklärung, sondern Ausdruck der Bereitschaft zehntausender Menschen, dem Hitlerregime die Zustimmung zu verweigern, sich mit ihm nicht zu arrangieren. Der erhoffte breite nationale Widerstand blieb allerdings aus; die österreichischen KommunistInnen brachten - neben den slowenischen BefreiungskämpferInnen in Kärnten - den weitaus größten Teil zum österreichen Widerstand bei. Mehr als 2.000 von ihnen wurden vom NS-Regime wegen ihres aktiven Widerstands gegen Terror und Krieg und für die Wiedererrichtung Österreichs ermordet.
Zum Aufruf der KPÖ:
>hier