Logo HEUTE

HEUTE
HINTERGRUND
ANGEBOTE
TERMINE
KONTAKT

Melina Klaus

Druckversion

2005-08-23

Alltag in der Republik

Wären Sie heute zwischen fünfzehn und sechzehn Jahre alt und könnten, dürften, sollten oder wollten in diesem Herbst keine weiterführende Schule besuchen, auch dann neigten sich die Ferien bald dem Ende zu.

Vielleicht hätten Sie bereits an die 60 Bewerbungen geschrieben auf der Suche nach einer Lehrstelle, in diesem Fall hätten Sie wahrscheinlich bisher 3 bis 4 Antworten in Form einer Absage bekommen, die restlichen 56 bis 57 Bewerbungen blieben gänzlich unbeantwortet. Die Lehrstellenliste des AMS würde Sie ermüden bis frustrieren.

Heute hätten Sie zum Beispiel in ganz Wien 9 offene Stellen für angehende Köche oder Köchinnen gefunden, 13 für Einzelhandelskaufleute (die wären allerdings schon seit mehreren Wochen in der Liste, die ein oder andere Absage dafür hätten sie schon kassiert), 1(!) Ausschreibung für den 'vielversprechenden Zukunftsberuf' EDV-TechnikerIn, 1(!) offene TischlerInnen-Lehrstelle, 3(!) für MalerInnen, 4(!) für SystemgastronomInnen und 21 für Bürokaufleute, doch die geforderten höheren Schuljahre dafür brächten Sie nicht mit. Bliebe nur noch die einzig namhafte Anzahl von 60 offenen Lehrstellen für Frisöre oder Frisörinnen zur 'Wahl'. Dann versuchten Sie es vielleicht auch noch mit dem Suchbegriff KraftfahrzeugstechnikerIn (so heißt heute der "KFZ-Mechaniker", der nach wie vor angestrebteste Lehrberuf bei Burschen und handwerklich/technisch orientierten Mädchen) � aber leider, Anzahl der offenen Stellen: 0 (in Worten: Null).

Diese Woche würde eventuell auch Ihr neuerlicher Vormerktermin am AMS-Jugendliche stattfinden. Die Beraterin hätte maximal 15 Minuten für Ihre Anliegen Zeit. Wüssten Sie eigentlich nicht so genau, welchen Beruf Sie eigentlich wählen sollten oder welche Weiterbildungsmaßnahmen Ihnen offen stünden (was Sie von der oben beschriebenen Bewerbungstätigkeit nicht abhielte), hätten Sie vielleicht gerne Unterstützung auf Grund Ihrer Deutschkenntnisse oder eher durchschnittlicher Schulnoten im Abschlusszeugnis oder eher nicht-traditioneller Berufswünsche oder sonstigem, würden Sie vielleicht mit viel Glück an eine Beratungsstelle oder weiterführende Maßnahme verwiesen. Wahrscheinlicher wäre es allerdings, dass Sie sich im über Wien verteilten 'Auffangnetz' wieder fänden. Sie müssten acht Wochen im Schnelldurchlauf 'Berufsorientierung & Coaching' absolvieren, angeleitet von unterbezahlten und prekär beschäftigten TrainerInnen. Eine Ablehnung der 'Einladung' dorthin käme leider nicht in Frage, jede Chance auf weitere AMS-finanzierte Maßnahmen wäre somit verspielt. Der pünktliche und regelmäßige Besuch hingegen eröffnete zumindest den Weg einer Kurskarriere. Dort teilnehmend könnten Sie an Ihrer Bewerbung weiter feilen, die Anzahl der offenen Stellen jedoch würde sich in der Zwischenzeit nicht wesentlich verändern. Wenn Sie Pech hätten, landeten Sie nach dieser sog. 'Vorschaltmaßnahme' in einem Lehrgang für das erste Lehrjahr in einem Beruf, der Sie wenig bis gar nicht interessiert.

Wahrscheinlich würden Sie dann versuchen zu überwintern. Im Februar/März, wenn die Zahl der Lehrstellen wieder leicht steigt, könnten Sie versuchen, zu diversen Aufnahmeverfahren eingeladen zu werden. Zum "Casting" bei dm oder zum "Qualifying" bei Porsche. Auch Tests bei Mittel- bis Kleinstbetrieben müssten Sie dann erfolgreich überstehen. Logische Reihen müssten Sie fortsetzen, Fehler suchen, Prozentrechnungen lösen, Fragen nach EU-Nachbarstaaten und Mozart-Opern müssten sie erfolgreich beantworten. Hätten Sie ein gutes Testergebnis, tragen Sie kein Kopftuch, haben Sie keinen 4er im Zeugnis, entspricht Ihr Wunschberuf Ihrem Geschlecht, haben Sie nicht allzu lange Zeit Arbeit gesucht, klingt Ihr Name nicht allzu fremd. Ja, dann bliebe eine kleine Chance, Ihre Fähigkeiten bei einem Schnuppertag unter Beweis stellen zu können und weiter zu hoffen.