2005-07-11
Zum 100. Geburtstag Marcel Rubins
Marcel Rubin � wer kennt heute noch den Namen, außer einer kleinen Schar eingeschworener Kenner der Musik des 20.Jahrhunderts? Und doch, der Komponist, Musikkritiker und politische Mensch Marcel Rubin ragt über seine Zeit hinaus � wir können nur hoffen, daß der offizielle Musikbetrieb und insbesondere der ORF diesen Mann anlässlich seines 100. Geburtstags durch sein Werk ehrt. Marcel Rubin (1905�1995) war � nach Jahrzehnten des politischen Boykotts - einer der meistgespielten zeitgenössischen Komponisten Österreichs. Er hinterließ zehn Symphonien, mehrere Opern, darunter die komische Oper "Kleider machen Leute" (1973 in der Volksoper uraufgeführt), Musik für verschiedene Soloinstrumente, Kammermusik, Lieder und Chorwerke, darunter den "Heiligenstädter Psalm" zumTeil nach Beethovens Text des "Heiligenstädter Testaments" und vieles andere.
Der junge Musiker lernte bei den Großen der zwanziger Jahre: Franz Schmid, Franz Schreker, Egon Wellesz und schließlich in Paris bei Darius Milhaud. Mit 22 Jahren komponierte er seine erste Symphonie, kehrte 1932 nach Wien zurück und schaltete sich in den zeitgenössischen Musikbetrieb ein � er leitete den Verein "Musik der Gegenwart" - und schloß nebenbei ein Jus-Studium ab. Der Antifaschist Marcel Rubin floh noch in der Nacht des Einmarsches nach Paris. Nach mehreren Aufenthalten in Internierungslagern konnte er 1941 schließlich nach Mexiko emigrieren. An der Oper von Mexiko-City fand er ein reiches Betätigungsfeld, aber er blieb seiner Heimat verbunden und war wesentlich an der Organisierung der deutschsprachigen politischen Emigration beteiligt.
1947 kehrte Marcel Rubin trotz aller Widrigkeiten als Kommunist nach Österreich zurück und wurde Musikkritiker der Volksstimme, was ihm zunächst seine Existenz sicherte. Im Nachkriegsösterreich des Kalten Krieges wurde er als "Parteimusiker" abgestempelt und aus dem offiziellen Kulturleben ausgegrenzt. Sein kompositorisches Schaffen setzte sich dennoch � langsam aber schließlich doch � durch. 1969 erhielt er den Preis der Stadt Wien und ein Jahr darauf den großen österreichischen Staatspreis, sowie zahlreiche weitere Auszeichnungen.
Sein Verständnis nicht nur als Musikschaffender sondern auch als Kultupolitiker kam in seinem Einsatz für andere Kollegen zum Ausdruck. Er war Sekretär des Komponistenbundes und 1975 bis 1984 stellte er sich als Präsident der AKM, der Genossenschaft der Musikschaffenden, zur Verfügung. Er gehörte auch dem Österreichischen Kunstsenat an.
Unvergesslich für die Kultur der Arbeiterbewegung sind seine Lieder, die er nach dem Krieg schuf und die jeder Kommunist kannte: Das Lied von der Roten Fahne, nach einem Text von Erich Weinert und das Lied der Friedenskämpfer "Steht auf ihr Millionen" nach einem Text von Otto Horn. Rubin organisierte und leitete auch Massenchöre, zu verschiedenen Veranstaltungen der KPÖ, an denen jeweils hunderte Laien beteiligt waren.
1969 trat er wie viele andere Kulturschaffende und Intellektuelle aus der KPÖ aus und verließ die Redaktion der Volkstimme. "Eingetreten bin ich in die KP im Frankreich Petains, als auf kommunistische Betätigung die Todesstrafe stand. Und ausgetreten bin ich, als ich es vom Standpunkt der 'Karriere' mir ruhig hätte leisten können, Kommunist zu bleiben. Beides aus Gewissensgründen." Differenz war die Rücknahme der Verurteilung des Einmarsches der Warschauer-Pakt-Staaten in die damalige CSSR durch die KPÖ.
Marcel Rubins Tonsprache war von dem Bemühen geprägt, auch einem breiten Publikum verständlich zu bleiben. Ausdücklich stimmte er in einem Brief an die "Volkstimme", die anläßlich seines 85. Geburttags eine Würdigung veröffentlichte, der Charakterisierung zu: "Und in der Tat ist es ... die Sucht nach Freiheit des Individuums, die Sehnsucht nach einem sozialistischen Weltbild, um die Rubins Gedankenwelt kreist und der er zuweilen packend und immer überzeugend Ausdruck verleiht."
Marcel Rubin wäre am 7. Juli 100 Jahre alt geworden.