2005-10-09
Kinder, macht Kinder
Für die fünf Minuten Literatur in Ö1, kurz vor 17 Uhr, fand jemand die Passage übers Kinderkriegen in Houellebecqs jüngstem Sensationswerk "Die Möglichkeit einer Insel" bemerkenswert genug, sie im Radio zu senden. Um es gleich vorweg zu sagen, man muss das Buch nicht gelesen haben, um beim Kindermachen mitreden bzw. mitmachen zu dürfen, obwohl es zahlreiche Stellen gibt, die ihres Zynismus� wegen bemerkenswert sind. Man kann die zustimmend gemeinte Gesellschaftsbeschreibung der spaßgesellschaftlich formierten bzw. deformierten Alt- und Neomenschen ja auch gegen den Strich, also kritisch lesen. Diese Ambivalenz dürfte vom Autor schon beabsichtigt sein und ist wahrscheinlich ein Aspekt seines Erfolges. Das Leitpaar legt sich beim Erblassen der Liebe nämlich statt Kindern einen Hund zu. Der Leitmann erklärt in diesem Zusammenhang die Widerwärtigkeit von sabbernden Kindern, die schon von klein auf plärrend ihre Rechte fordern und ihren Erzeugern dann meist lebenslang auf der Tasche bzw. im Genick sitzen. Die sonstigen Beschwerlichkeiten mit Kinderbetreuung, Schulsorgen etc. kennt jeder und jede, der oder die Kinder hat.
Es ist natürlich mutig, in Zeiten sinkender Geburtenraten, des wackelnden Generationenvertrages bezüglich der Alterssicherung und der Warnung vor Überfremdung durch "wie Karnickel werfende" Süd- und Ostmenschen, das heimische Kinderkriegen so herunter zu machen. Houellebecque liebt es ja auch, den Sextourismus zu den kleinen Thaimiezen zu loben und die MuslimInnen zu verarschen, alles mit männlichen Pornofantasien vom Schwanzlutschen durchmischt. Beschreibt er Zustände, begeilt er sich an Ständern? � beides. Was man ihm positiv anrechnet ist, dass er in den Wunden umrührt, das liebt das lesende Bürgertum am französischen Harry Potter.
Plädiert man nun trotzdem fürs Kinderhaben und -liebhaben, kommt man in seltsame Gesellschaft. Abseits von der Sorge um die Überfremdung durch hübsche Südlandkinder und um den Generationenvertrag könnte es auch für linke, kritische Menschen Gründe geben, Kinder zu haben. Nämlich die Entwicklung der eigenen Persönlichkeit von Mann und Frau zu erwachsenen Menschen, die zur Fürsorge für die Heranwachsenden fähig und bereit sind. Die Fürsorge für andere in verschiedensten Bereichen erzwingt ein gewisse Maß an Selbstdistanz und Verzicht, Eigenschaften, die in der Konsumgesellschaft auch bei kritischen Menschen leicht einmal zu kurz kommen.
Das "Opfer" Kind(er) ermöglicht über Jahre einen anderen Blick auf das Leben. Alle Fragen des Alltags, Wohnens, Essens, der Arbeit, Freizeit erhalten einen radikal anderen Blickwinkel durch die Bedachtnahme auf Kinder. Ich kenne so viele ältere Menschen, Singels und Paare, die dann ab Vierzig sich endlich selbst verwöhnen wollen und dermaßen fixiert sind auf das eigene Wohlergehen, dass sie mit sich und dem anderen z. B. beim Essen umtutteln wie mit kleinen Kindern. Radikaler linker Revolutionsanspruch kann einhergehen mit einer kindlichen Konsumfixiertheit, und sei es beim Alkoholkonsum, dass man sich fragt, ob die keine anderen Sorgen haben.
Ebenso wie die Zugehörigkeit zu einer schrägen Partei wie z. B. der KPÖ für immer jung � nicht infantil - halten kann, ist es die Begleitung von Kindern und Enkelkindern durch das Leben. Vom Musikgeschmack bis zur Esskultur, von Schulsorgen bis zur Mode wird man bis ins Alter � entsprechendes Interesse vorausgesetzt - mit den Gängen der Zeit in einem Ausmaß konfrontiert wie sonst kaum. Das ist eine Möglichkeit, wie man der unvermeidlichen Altersschrulligkeit ein wenig ausweichen kann. Die "Möglichkeit einer Insel" mitten im Leben.
Also wachset und mehret euch, damit Links nicht ausstirbt und ihr zumindest ein bisschen frisch bleibt und man euch nicht wie den beiden Alten der deutschen Linken vorwerfen kann, sie wären eine Altherrenpartie. Dass der linke Mann und Vater alle Aufgaben der Kinderbetreuung treulich und gerecht mit der Kindesmutter teilt, versteht sich ja, wie wir wissen, von selbst!