2005-06-20
Widerspruch Universität
Universitäten sind widersprüchliche Orte. Auf der einen Seite gibt es noch einen Rest von größtenteils männlichen Beamten und andererseits gibt es beinahe 2000 externe LektorInnen, meistens Frauen, die unter prekären Bindungen arbeiten und forschen. Einerseits gibt es enorm hohe Forschungsgelder und speziell eingerichtete Institutionen für Professoren, die aus den verschiedensten Gründen, wie z. B. Verfolgung durch das Nazi-Regime oder schlichtweg mangelnde Möglichkeiten in rezenterer Zeit, Österreich den Rücken kehrten und nun wieder zurückgeholt werden, andererseits haben sich die Studien- und Lebensbedingungen von Studierenden und externen Lehrenden extrem verschärft durch Studiengebühren, restriktive Vergabe von Stipendien und Forschungsgeldern. Mensch kann feministische Forschung und Linke Lehrbeauftragte finden und gleichzeitig mit der größten möglichen Ansammlung reaktionärer Kräfte konfrontiert sein.
Studierendenproteste ein Mythos?
Wer sich heute an den Universitäten umsieht, möchte glauben, Studierendenproteste, die Streiks von 1987, 1996 und 2000 sowie der Ausgang von sozialen Widerstandsbewegungen wären ein Mythos. Widersprüche gibt es viele an den Universitäten, aber wo ist der Widerspruchsgeist geblieben? Wo der Zorn und der Wille, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten? "Wir sind da dran" hört man von den linken gerade erst neu gewählten StudierendenvertreterInnen. De facto jedoch hat eine Studierendenfraktion gewonnen, deren Kollegen von der grünen Partei für eine frauenfeindliche, neoliberale, Krieg unterstützende EU-Verfassung eintreten, deren Chef erst kürzlich die Abschaffung der Studiengebühren nicht länger als Knackpunkt von Koalitionsverhandlungen betrachtet. Der zweite Gewinner, der VSStÖ, ebenfalls bemüht, sieht sich in Presseaussendungen seiner Parteigenossen mit ganz ähnlichem konfrontiert. Der/die Durchschnittsstudierende weiß nicht nur nicht, was ihre KollegInnen in der ÖH so treiben, es interessiert sie schlichtweg nicht. Vielmehr zählt, ob sie dieses Semester noch in ihre gewünschten Seminare und Vorlesungen kommen, oder ob sie ein weiteres Semester verlieren und so mehr Studiengebühren zahlen müssen. Die hegemoniale Realität des Neoliberalismus hat sich bereits in ihren Köpfen festgesetzt. In ihrem Kampf um den Titel und Hoffnungen auf einen zunehmend deregulierten Arbeitsmarkt bleibt ihnen keine Zeit für Widerspruch, geschweige denn für Widerständiges.
Neoliberalismus in voller Härte
Bei den wissenschaftlichen Bediensteten sieht es auch nicht besser aus. Zwar gibt es nunmehr zum ersten Mal einen durchaus engagierten Betriebsrat. Dieser scheint jedoch gegen Intrigen innerhalb der Universitäten und zwischen Gewerkschaftsfraktionen sowie gegen ein Rektorat, das nicht von seinen Allmachtsansprüchen heruntersteigen will, anzukämpfen. Zwar gibt es hier und da vereinzelt agierende widerständige Gruppen auf Institutsebene bei den externen LektorInnen, doch auch hier zeigt sich, dass Solidarität zunehmend verschwindet, wenn sie denn je existiert hat. Denn gerade an den Instituten zeigt sich der Neoliberalismus mit voller Härte: Wechselnde Allianzen sind notwendig, um zu den begehrten Lehraufträgen zu kommen, wenn diese auch für Hungerlöhne durchzuführen sind. Wer sich wehrt, verliert die Lehrveranstaltung an eine/n der vielen in den Startlöchern Wartenden, die auch für weniger Geld zu lesen bereit sind. Patriarchales und autoritäres Verhalten von Seiten der Professorenschaft wird ertragen, denn schließlich will mensch nicht das Forschungsprojekt verlieren.
Elite gegen Normalität
Der neueste Clou der Regierung ist die Etablierung einer "Eliteuniversität", die im neoliberalen Neusprech natürlich nicht so heißen soll, sondern ein "Institute of Excellence" sein soll. Natürlich sollen diese Universitäten auch nicht den "Nicht-Exzellenten" also den "normalen" Universitäten das Budget abgraben. Wer�s glaubt wird selig. Und wie reagieren die werten Herren der plötzlich nicht mehr so exzellenten Unis? Rektoren-Chef Christoph Badelt ärgerte sich im Kurier (Samstag 18. Juni 2005) darüber, dass sowohl die neue "Eliteuni" als auch die Fachhochschulen sich die Studierenden aussuchen dürfen, und schreit daher gleich nach Selektion: "Man dürfe nicht zum dritten Mal neue Einrichtungen schaffen, die bessere Bedingungen, als die Universitäten haben" so Badelt. Bessere Bedingungen? Für wen? Ich nehme mal an, er meint die Professoren. Und er fordert weiter: "Eine Auswahl müsse zumindest bei den Doktorat-Studenten an den Unis möglich sein, künftig auch bei den Absolventen der neuen Master-Studien". Der Gedanke, dass frau hier ausnahmsweise froh sein könnte, denn das scheint sie bei der Ausgiebigkeit männlicher Sprache nicht zu betreffen, ist wohl illusorisch. Aber, an und für sich nichts Neues, für diejenigen, die sich nur peripher mit den Entwicklungen, den Aussagen von PolitkerInnen und Universitätsprofessoren in führender Position der letzten Jahre beschäftigt haben.
Gibt es einen Ausweg?
Bei all diesen Grauslichkeiten stellt sich die Frage, ob Widerstand auf den Universitäten noch möglich ist? Möglich ist alles, aber es ist fraglich, wann der Zeitpunkt erreicht ist, dass die Gewerkschaft zum Streik aufruft. Zu vieles scheint dagegen zu sprechen. Einerseits sind die Gewerkschaften in Österreich nicht besonders streikfreudig, andererseits fliehen alle WissenschafterInnen bei erstbester Möglichkeit aus Österreich, und die definitiv Gestellten sitzen den Sturm bis zu ihrer Pensionierung aus, der Rest scheint hilflos.
Alle, die dennoch nicht die Hoffnung aufgeben wollen, müssen die KollegInnen aufklären, diskutieren, streiten und daran arbeiten, eine Gegenhegemonie in den Köpfen der Menschen aufzubauen. Dann wird es auch wieder Widerspruch und Widerspruchsgeist an den Universitäten, normal oder exzellent, geben.