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Agnes Höld

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2005-04-27

Zu viel Bedenkliches

Andreas Khol hat neben seiner Arbeit als Nationalratspräsident und Verfassungsrechtler ein weiteres Feld für sich entdeckt: die Geschichte. Ein Kommentar zu dem, was im Gedankenjahr an Vergangenem fürs Zukünftige vermittelt wird.

Wir wissen jetzt von ihm, dass die Alliierten im Gegensatz zu den AntifaschistInnen etwas mit der Niederwerfung der Nazi-Herrschaft zu tun hatten und dass dieser Sieg wiederum noch gar nichts mit einer Befreiung gemein hatte. Und dass es angeblich alleiniger Verdienst der "Wiederaufbaugeneration" rund um Figl, Raab und VdU war, der zum Staatsvertrag führte, wohlüberlegt zum ersten, denn den "zweiten", nie als solchen ausgewiesenen besorgten die politischen Nachkommen dieser Leute, indem sie Österreich in die Europäische Union führten. Zu viel Geschichte war dies dann von der SPÖ und so durften wir vom Wiener Bürgermeister lernen, dass die visuelle Darstellung einer Bombennacht mittels Lasershow nicht dasselbe ist wie eine Bombennacht und darum auch ganz gut. In grellrotes Licht sollen nun Häuser getaucht werden, die damals, an diesem 12. März 1945, von alliierten Bombern schwer beschädigt wurden, dazu werden überdimensionale Fadenkreuze zusammen mit Sirenen- und Detonationslärm durch die Luft schwirren und nur die beiden Reiterstandbilder von Prinz Eugen und Erzherzog Karl, dieser beiden "österreichischen Helden"; (Projektleiter Wolfgang Lorenz), am Heldenplatz ausnehmen, denn die waren unter den Nazis als architektonisches Zeichen einzementiert und werden darum heute auch wieder verhüllt. Am Ende manifestiert die vielberedte privat-public-Partnerschaft ihr Funktionieren in der auch gleich geschichtspädagogisch wertvollen Angebotspalette von McDonalds: die McCare-Pakete kommen, und beim zweiten Burger ist auch eine CD dabei.

Grotesken und ein bisschen mehr

Leicht ist mensch nun dazu geneigt, derlei als Skurrilitäten, Absurditäten und Klein- bzw. Groß-Grotesken abzutun und irgendwie nur mehr zu belächeln. Eine Empörung scheint hier gar nicht mehr aufkommen zu können: ein Kran vor dem Belvedere, um auch endlich so klein sein zu können wie Figl auf dem Balkon, über den er kaum blicken konnte, daneben 30 ausgesuchte Kühe, die das Alpenpanorama vollenden helfen, mitten auf Österreichs repräsentativsten Platz Kartoffelacker und Gemüsebeete, nun ja. Dabei ist all das auf seine Art ebenso geschichtsträchtig wie ausgesucht vereinnahmend. Den heutigen Gedenkern wird Gedankenlosigkeit vorgeworfen und dass sie nicht denken. Natürlich. Aber trotzdem gedenken sie und geben ihr damit vermitteltes Geschichtsbild als jedem Argument resistentes Trauer-Feier-Spektakel aus. Hier wird Geschichte über die Vordertür des Tränenflusses konstruiert (und diesmal tatsächlich auch plastisch) und nahtlos eingereiht in Altbekanntes, wie es immer schon anzutreffen war: ob es dabei um die Restitutionsforderungen an die Republik oder um das politische Repräsentieren des Staates nach außen ging. Gemeint ist die Selbstdarstellung und -inszenierung Österreichs im Deutungsrahmen einer doppelten Opferthese.

1938 und 1945

Einerseits war da 1938, dann, sieben Jahre später, 1945, in beiden Fällen ein Einmarsch, und die Befreiung, die war erst 1955, richtig, mit besagtem Figl und seinem zu großen Balkon. Immer waren es die Mächte draußen, die das Land zu ihrem Spielball machten, die Nazis zuerst und dann die Alliierten, vor allem natürlich die Russen, von denen sich immer noch die historische Mär hält, sie hätten das Land eigentlich ausradieren wollen. Hier schließt sich dann der Kreis zum antikommunistischen Abwehrkampf von 1950, als angeblich putschende Kommunisten unter Moskaus treuen Augen nur dank der Reaktionsschnelligkeit von Olahs Schlägertrupps (das Bild einer kämpferischen Gewerkschaft, an das sich der ÖGB auch heute noch gerne erinnert) in Zaum gehalten und Österreich abermals und eigentlich erstmals verteidigt werden konnte (1). Und trotz Moskaus gegenteiligen Bemühungen ist Österreich seinen Weg gegangen und es scheint, als habe man sich von 1955 an bereitwillig herausgeputzt, um als attraktive Braut dann 1995 nach Europa zurückzukehren. So ähnlich hat es der Kommissionspräsident Barroso formuliert, als er anlässlich einer Jubelveranstaltung zur 10jährigen Mitgliedschaft in der EU neulich im Parlament zu Gast war und die Feierrede auf Österreichs Weg halten durfte. Da muss man sogar Adalbert Stifter jetzt progressiv vereinnahmen: Europa, sagte der, hat mich in letzter Zeit angeekelt.

Theaterlandschaften

Wie jetzt mit dem hier sich anbahnenden Theater umgehen? Mensch braucht 2005 jedenfalls nicht, um sich zu erinnern. Jedes Jahr versammeln sich zum 12. Februar ein paar Hartnäckige, Unverbesserliche in den Augen der heutigen Gedenker, die den Februarkämpfen und ihren Toten im Kampf gegen den Faschismus erinnern. Und jedes Jahr hält etwas später, im Juni, der ÖVP-Klub im Parlament eine Gedenkveranstaltung unter den blumengeschmückten Bildnissen der Austrofaschisten Engelbert Dollfuß und Kurt Schuschnigg ab, die als echte Patrioten beweihräuchert und zu Widerstandskämpfern emporgestellt werden, während diejenigen, die tatsächlich Widerstand leisteten, ob als Wehrmachtsdeserteure, im Untergrund, usw. bis heute auf ihre Rehabilitierung warten müssen. Mensch möchte meinen, dies ist nicht der Widerstand, den die Republik meint, immerhin, dieser hat ja - wie hieß es so schön in Schuschniggs Befehl ans österreichische Heer - Bruderblut vergossen. Daran ist zu gedenken. Und auch, dass als dritte Unterschrift unter dem Vertrag zur Gründung der Republik jene vom damaligen KP-Vorsitzenden Johann Koplenig steht, was heute nicht einmal mehr ignoriert wird und die eine mehr als triste Existenz als historischer Tintenfleck harrt. Selbst Empathie darf sein. Sie gebührt zunächst jenen nie genannten Rotarmisten, die für die Befreiung Wiens vom Faschismus verantwortlich waren und in ihrem Marsch von Stalingrad weg überhaupt erst Figl auf seinen Balkon brachten.

Vom offiziellen Österreich wird dieses Erinnern nicht geleistet werden. Im Gegenteil: Es bleibt zu hoffen, dass Koplenig von Mölzer nicht zum Vertreter des VdU ausgerufen wird und so doch noch seinen Ehrenacker am Heldenplatz bekommt.

Agnes Höld ist Spitzenkandidatin des Kommunistischen StudententInnenverbandes auf der WU Wien. Sie studiert ebendort Sozioökonomie. Der Text wurde erstmals in der Zeitung des KSV "Unitat" veröffentlicht.

1) Am prononciertesten bei: Meier-Walser, Reinhard C.: Der Streikputsch der KP Österreichs und seine internationalen Hintergründe. Die kommunistischen Streikaktionen vom September/Oktober 1950 im besetzten Österreich vor dem Hintergrund der sowjetischen Machtexpansion in Osteuropa nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. München 1986.