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Julius Mende

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2005-04-24

Rückwärtsgang

Gene fürs Rauchen, Saufen, Fressen ...

Soeben hörte ich im Radio, dass die menschliche Weisheit, lieber einen Spatz in der Hand zu haben als die Taube auf dem Dach, also lieber gleich 10.000 Dollar als in zehn Jahren 10.000, auf unser tierisches Erbe zurückgeht. Genau wie beim Tier, das seine unmittelbare Nahrungslust befriedigt und nicht klug veranlagt, ist es beim Menschen � wörtlich. In allen Wissenschaftssendungen dominieren biologistische Wissenschaftsansätze. Über die Entdeckung immer neuer Gene fürs Rauchen, fürs Saufen und fürs Fressen wird berichtet .Die menschliche Gestaltbarkeit von Kultur und Lebensweise wird weithin negiert. Selbst in dem relativ anspruchsvollen Alte-Leute-Sender Ö1 kann man an einem Tag allerhand reaktionäres Zeug zusammenhören. Die kulturelle Hegemonie der rechtskonservativen Regierung und der von ihr bezahlten Intelligenz hat sich auch in diesem Bereich der Öffentlichkeitsarbeit raschest durchgesetzt.

Ich als alter Herr erinnere mich an die 50er Jahre. Drei vor sieben, als damals das Morgengebet gesendet wurde (Morgenandacht), kommen heute Worte zum Nachdenken, die in den letzten Jahren deutlich konservativ eingefärbt wurden. Auch eine Papstwahl wäre in den 50ern ähnlich wahnsinnig ausladend von den Medien berichtet worden, hätte es das Fernsehen schon massenhaft gegeben. Die Weltnachrichten waren wochenlang Papstnachrichten. Am Sonntag Vormittag bin ich ganz glücklich. Die seltenen Male, die ich früher zu Hause verbrachte, hörte die holde Familie die holde Kunst � und du wirst es nicht glauben, sie senden einfach die damaligen Programme von Radio Salzburg wieder, mit Karl Heinrich Waggerl und den anderen, dazu erhabene Musik, vor Weihnachten dem Salzburger Adventsingen entnommen.

Höre ich vormittags oder nachmittags Musik oder Interviews mit Musikern oder Dirigenten, du kannst sicher sein, es handelt sich um ein Genie, dem sich der Moderator mit vor der hohen Kunst erbebender Stimme nähert, um sich über die holde Kunst auszuplaudern. Dabei spielen gesellschaftliche Zusammenhänge des Kunstschaffens oder das immer noch boomende Kunstgeschäft keine Rolle. Nur der Kunst ergeben berichten die Meister, meist Männer, aus dem Reich der Musen, dem Schönen ergeben, die Hörer zu erfreuen. Die Kunst und Kulturberichterstattung des ORF ist ebenfalls auf das Niveau der 50er Jahre zurückgefallen, der gloriosen Zeit des Wiederaufbaus � nicht eines Neuaufbaus, wohlgemerkt. Aufgüsse des Alten eignen sich eben offensichtlich als ästhetische Begleitung zur neoliberalen Marschmusik. Wie der Kapitalismus naturwüchsig den Fittesten siegen lässt und durch Wettbewerb zur Harmonie in der Gesellschaft führt, so auch in Kunst und Wissenschaft.

Die Schäden der sozialen Marktwirtschaft und der zumindest sozial bemäntelten Kulturpolitik der 70er Jahre müssen repariert werden, wie ja auch die Geschichte des letzten Jahrhunderts einfach umgeschrieben wird.