2005-07-19
Keilen und ködern
Ein Wochenende am Land. Im Laufe von 48 Stunden läutet fünf Mal das Telefon, Festnetz. "Hier ist das Soundso-Institut, wir machen gerade eine Umfrage für ..." Danke, nein. Das nächste Läuten: "Wir rufen aus Deutschland an, wir machen eine Umfrage über Bonbons, welche Marke essen Sie ..." Nein danke, ich esse keine Zuckerln. Der nächste Anruf kommt wegen einer Automarke, dann wegen eines Zeitungsprobeabos und danach wieder irgend ein Institut, das umfragt. Die armen Menschen, die an den Wochenenden (von ihrem privaten Telefonanschluss aus?) für irgend welche Firmen keilen müssen - ist unsere Telefonnummer ein heißer Tipp, die in irgend einem Zusammenhang einmal weiterverkauft wurde? Oder werden wir vom Zufallsprinzip des niederösterreichischen Telefonbuches gequält?
Auf dem Weg zu unserem Landdomizil kaufen wir beim Fleischhauer ein. Mit der Wurst und dem Kassabon kommt auch eine etwas farblose Karte für die Teilnahme am "Exquis Trophy Niederösterreich" über den Ladentisch: "Mit der Bewerbung nehmen Sie automatisch an den Verlosungen unserer Gewinnspiele teil. Tolle Sachpreise warten auf Sie." Darunter der auszufüllende Platz für Namen, Adresse, Telefon, E-Mail. Eine möglich Quelle also für ungewünschte Werbeanrufe, obwohl ich noch nie an solch einem Gewinnspiel teilgenommen habe. Auch habe ich nicht meine "persönliche Gewinn-Urkunde" von "Wien Energie-Quelle" ausgefüllt, obwohl man mir dort mit dem "Hauptpreis 1 x Mercedes Benz Geländewagen der G-Klasse", dem "Sonderpreis 5 x 1 Jahr lang Übernahme Ihrer Stromrechnung" und dem "Zusatzpreis 1 Wellnessprodukt für den täglichen Gebrauch" winkt. Meine Adresse kriegen die nicht! Beim Möbel-Lutz in Horn wäre ich um ein Haar um meinen Einkauf gekommen, weil die dort partout meine Adresse und Telefonnummer beim Bezahlen der Rechnung haben wollten. Auch hier war ich standhaft, obwohl der Verkäufer drohte, mir die gekaufte Ware ohne die gewünschten Daten nicht aushändigen zu können.
Blättert man das Infoblatt der Stadt Wien durch, ist "wien.at" diesbezüglich nicht viel anders: Siemens ködert mit einem "Lifebook" und Musikhandy, der "wien club" mit Kartengewinnen, kostenlosen Führungen oder einer Nostalgietour durch den Prater. Aber auch die notleidende P.S.K. schickt mir regelmäßig farbenprächtige Folder mit Gewinnaussichten ins Haus und spart dafür bei den Kontoausdrucken und Postämtern. Die Wettbüros pflastern meinen Weg und es hat den Anschein, dass die Welt nur mehr aus Gewinnspielen besteht und die Menschen nur mehr mit Sonderangeboten und Glücksversprechen aus ihrer (Geld-) Reserve zu locken sind. Assingers Millionenshow nervt nun schon jeden Sonntag und Montag im ORF-Hauptabendprogramm. Und wie immer frage ich mich bei all dem: Das zahlt sich aus? Wer zahlt denn das?
Aber dann: Da gewinnt doch tatsächlich eine aus meinem Bekanntenkreis die Million beim Assinger, auch der Hausmeister von der Schule meines Enkelkindes hat dort schon mal was gewonnen, und die Nachbarin am Land freut sich über ihren Hauptpreis - eine Ballonfahrt übers Waldviertel. Aber auch Kati, unsere KPÖ-Frauensprecherin, hat kürzlich freudestrahlend einen Sieben-Euro-Treffer gelandet. Das Glück ist ein Vogerl - und meist zeigt es uns diesen auch.