2005-03-23
Vergessener Widerstand
Die Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig-Taurer
Den Namen der Kommunistin Gisela Tschofenig-Taurer sucht man in der Literatur über den antifaschistischen Widerstand gegen das Nazi-Regime vergeblich. Bereits im 1982 herausgegebenen amtlichen Werk "Widerstand und Verfolgung in Oberösterreich 1934 bis 1945" kam ihr Name nicht vor.
Gisela Taurer entstammte einer Kärntner Eisenbahnerfamilie, wurde am 21. Mai 1917 geboren und kam mit ihren Eltern 1935 nach Linz. Sie arbeitete schon in der Schuschnigg-Zeit illegal im Kommunistischen Jugendverband (KJVÖ) und nach dem "Anschluss" für die KPÖ.
1944 wurde sie in Kärnten verhaftet und nach Linz ins berüchtigte Frauengefängnis Kaplanhof gebracht. Dort machte sie den Bombenangriff vom 31. März 1945 mit, bei dem zahlreiche Frauen ums Leben kamen. Bei den Verhören, zu denen sie ins Lager Mauthausen gebracht wurde, hatte man ihr schon angedroht, sie werde ihren damals vierjährigen Sohn nicht mehr sehen.
Ihre Freundin Therese Reindl, die mit Gisela die letzten Wochen der Haft teilte, berichtete, dass in der Nacht vom 27. auf 28. April 1945 im Lager Schörgenhub, wohin die Frauen vom Kaplanhof gebracht worden waren, Gisela Tschofenig-Taurer zusammen mit der Welser Kommunistin Risa Höllermann aus der Baracke geholt wurde, Gisela habe ihr noch zugeflüstert: "Jetzt ist es so weit."
In der Nacht hörten die Frauen mehrere Schüsse vor dem Lager fallen. Am nächsten Tag hat Resi Reindl bemerkt, dass ein weiblicher Kapo die Bergschuhe von Gisela getragen hat, mit denen sie in Kärnten verhaftet worden war. Reindl war auch dabei, als kurz nach der Befreiung die Grube geöffnet wurde, in der insgesamt sechs Leichen lagen, darunter die von Gisela Tschofenig-Taurer und Höllermann. Bei Gisela fehlten die Schuhe.
Hatte man das "Vergessen" der Widerstandskämpferin Gisela Tschofenig-Taurer im Jahre 1982 noch dem Mangel an Dokumenten zuschreiben können, so kann das für später herausgegebene Literatur wohl nicht mehr geltend gemacht werden. Obwohl die KPÖ schon vor 1982 und auch in den Jahren seither immer wieder in ihren Dokumentationen und bei der Auflistung ihrer Opfer im Widerstand auch Tschofenig-Taurer erwähnt hatte, wurde die Ausgrenzung fortgesetzt.
So sucht man ihren Namen vergeblich im Beitrag von Siegfried Ganglmair über "Widerstand und Verfolgung in Linz in der NS-Zeit" in dem 2001 herausgegebenen zweibändigen Sammelwerk "Nationalsozialismus in Linz". Aber auch in der 2004 erschienen "Linzer Stadtführerin � frauengeschichtliche Stadtrundgänge" kommt die Kommunistin Gisela Tschofenig-Taurer nicht vor. Die einzige lobenswerte Ausnahme ist das 1988 erschienene "Linz 1938" von Bert Olbrich und Selin Ölzer, wo Tschofenig-Taurer zumindest kurz erwähnt wird.
Obwohl es über den Tod von Gisela Tschofenig-Taurer nicht den geringsten Zweifel geben kann, wurde sie von offizieller Seite bis heute nicht als Opfer registriert, weil die SS zu diesem Zeitpunkt in Schörgenhub keine Totenbücher mehr geführt hat. Die Unterlassung der zusammenbrechenden Verbrecherorganisation gilt also bis zum heutigen Tag mehr als die Aussagen von Zeugen über diesen Tod für die Freiheit Österreichs. Soll das etwa die Aufarbeitung der Geschichte sein, wenn heute noch das Nichtzeugnis der SS mehr gilt als das Zeugnis von Mitkämpferinnen der Ermordeten?