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Dagmar Schulz

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2005-06-10

Frisch, fromm, fröhlich, frei?

60 Jahre nach der Befreiung von der Nazidiktatur finden regelmäßig Veranstaltungen der wichtigsten Vorfeldorganisation des Rechtsextremismus, des Österreichischen Turnerbunds, des "ÖTB Wien/MTV", meistens subventioniert von den jeweiligen Gemeinden statt. So rüstet dieser Verein beispielsweise zum "Klosterneuburg-Turnfest 2005". Handelt es sich bei dem unkritischen Umgang mit dieser Organisation, der vielerorts nicht nur von den Gemeinden betrieben wird, um Unkenntnis der politischen Zuordnung des ÖTB/MTV?

Vielleicht kann man auch von sogenannten "unpolitischen" TurnerInnen einen Blick in die Satzungen der Organisation, der sie angehören, verlangen.

Der ÖTB bekennt sich seinen Leitsätzen zufolge zum angestammten Volkstum, tritt für die Erhaltung, Pflege und Förderung des deutschen Volkstums und des überlieferten, heimischen Brauchtums ein, erachtet es als seine Pflicht, die Heimat zu verteidigen, sieht die Familie als lebenswichtige Kern- und Keimzelle für Volk und Staat.

Der Turnerwahlspruch lautet seit 1846 "Frisch, fromm, fröhlich, frei" (4F-Turnerkreuz) und der Turnergruß seit 1817 "Gut Heil!".

Der ÖTB, der demnach keine "reine" Sportorganisation ist, beruft sich programmatisch und auch in seiner Praxis immer auf den "Turnvater Jahn".

Friedrich Ludwig Jahn begründete nicht nur das nach ihm benannte Turnen als Wehrertüchtigung, sondern auch maßgeblich den deutschen oder völkischen Nationalismus. Gemeinsam mit anderen Germanomanen konstruierte er die deutsche Nation gegen alles zu hassende "Fremde". Obwohl nach 1945 als Vordenker des Nationalsozialismus diskreditiert, wird sein Erbe bis heute im ÖTB gepflegt. Gewöhnlich versuchen Jahns Apologeten in der Öffentlichkeit, den Rassismus und Antisemitismus des "Turnvaters" auszublenden. Dabei ist das Jahnsche Turnen auch heute noch weit davon entfernt, unpolitisch zu sein.

Es ist eine Schande, dass in Österreich zahlreiche "Jahn-Denkmäler", -Büsten und -Straßen existieren, gegen deren Entfernung sich ÖVP und FPÖ gemeinschaftlich öffentlich erregen, während es z. B. mehrere Beschlüsse und Anträge erforderte, bis ein winziger Platz in Wien nach dem von den Nazis im KZ ermordeten Kabarettisten Fritz Grünbaum benannt wurde.

Denn eines muss uns leider klar sein - auch im 60. Jahr nach der Befreiung vom Nazi- Regime ist die Befreiung vom NS-Gedankengut noch lange nicht gelungen.