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2005-09-07

New Orleans als globale Blaupause

"Dies war eine der am wenigsten natürlichen Naturkatastrophen, die es je gab", meint der Historiker und Soziologe Mike Davis in einem SZ-Interview über Ursachen und Folgen der Flutkatastrophe in New Orleans. New Orleans sei das extremste Beispiel einer Entwicklung, vor der er als amerikanischer Stadtforscher und Historiker seit Jahren warne: Verlust des öffentlichen Raums, Städte als Schlachtfelder des Verdrängungskampfes zwischen Armen und Reichen, Städte als Schauplätze der von Menschen verantworteten ökologischen Katastrophe.

Mike Davis sieht im Untergang von New Orleans ein typisches Verhalten amerikanischer Politik: Erstens, seit einer Generation wird nicht mehr in die soziale und physische Infrastruktur der großen Städte investiert. Zweitens hat New Orleans mit den höchsten Anteil schwarzer Bevölkerung unter den amerikanischen Großstädten - und sie ist eine der ärmsten. Drittens weigert sich die Bush-Regierung, für dringend notwendige öffentliche Einrichtungen zu zahlen, während sie Milliarden in den sogenannten Heimatschutz steckt. New Orleans aber, so Mike Davis, sei auch die Blaupause einer weltweiten Entwicklung: Die Armen würden völlig alleingelassen angesichts von Naturkatastrophen, angesichts der Klimaveränderung. Es sei bereits entschieden worden, diese Menschen nicht zu retten. Wenn das in einer Gesellschaft wie den Vereinigten Staaten passieren kann, dann würden solche Entscheidungen bei den großen Katastrophen der Zukunft auf geradezu apokalyptische Weise zunehmen - noch zu Lebzeiten unserer Kinder. Wir merken, so Davis, dass selbst die größten, reichsten, fortschrittlichsten Städte sehr schnell zusammenbrechen können, man denke nur an den Eissturm in Montreal, die Hitzewelle in Auckland oder den Stromausfall in New York. Unsere tägliche Existenz sei von einer monolithischen Infrastruktur abhängig - und diese ist angreifbar. Es sei vorgeführt worden, wie schnell das gesellschaftliche Netz sich angesichts einer Katastrophe innerhalb weniger Tage völlig auflöst. Also müssten wir, meint Mike Davis, uns mit urbaner Ökologie auseinandersetzen.

Städte seien die Lösung für den weltweiten ökologischen Notstand, die beste Art für nachhaltiges, effizientes Zusammenleben. Doch nur Städte, die diese Fähigkeiten erkennen, seien wirklich urban - und das Problem sei, dass die meisten amerikanischen Städte eben nicht urban sind. Nun bestehe aber die einzigartige Gabe der Städte darin, eine Alternative für individuellen Reichtum und Konsum zu bieten. Städte seien jene Orte, in denen die Menschheit überleben könne; doch sie seien, wie zu sehen ist, so, wie sie geschaffen wurden, extrem verletzlich. Die Ereignisse in New Orleans seien nicht unvermeidbar gewesen � "dies war eine der am wenigsten natürlichen Naturkatastrophen in der Geschichte Amerikas", so Mike Davis abschließend im Interview.

Der volle Text ist nachzulesen auf der Website der Süddeutschen Zeitung