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Erwin Riess

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2005-10-20

Herr Groll auf Reisen: Wien, Nußdorf

Wenn man den Donaukanal über die Schemerlbrücke quert, erreicht man den Nußdorfer Spitz. Lässt man das strahlend weiße Schleusengebäude Otto Wagners links liegen und nimmt eine kleine Geländestufe, befindet man sich vor dem Bootshaus des Wiener Rudervereins �Donauhort�. Von hier führt ein Weg zwischen Donau und dem eingezäunten Gelände des Vereins an die Spitze der Landzunge, die mit einem kindshohen Betonquader markiert ist. Der Kloß eignet sich vortrefflich als Ablage für Ferngläser, Bücher, Getränke oder Flußkarten. Groll mochte diesen Platz, weil er wie kein anderer die Stadt an den Fluss holt. Aus dem Studium alter Donaukarten und alter Reiseberichte wusste er, dass mit der Donauregulierung Ende des 19. Jahrhunderts genau hier der Strom von der Stadt abgelenkt wurde, abgeschoben wie ein ein lästiges, renitentes Haustier, für dessen Benehmen die Hausherren, die unverdient zu Geld und Einfluss gekommen sind, sich genieren. Wer von diesem Platz aus stromabwärts schaut, sieht rechterhand die neuen Hochhaustürme Kagrans und den solitären Milleniumstower am Handelskai. Verloren und ohne Zusammenhang mit der Stadt ragen sie in den Himmel, eine einzige Anklage gegen ihre Erbauer, die zwar technisch in der Lage sind, Wolkenkratzer zu errichten, geistig aber über die Belle Etage der Jahrhundertwende noch nicht hinausgekommen sind.

Was für eine Illusion zu glauben, dass Bürotürme die Stadt an den Strom bringen würden, dachte Groll. Die Skyline Wiens ist zumindest hier, im Schatten des Leopoldsbergs, trostlos und provinziell. Zwettl mit Getreidesilos. Der fatale Eindruck wird vom mächtigen weißen Doppelrumpf des an der Donauinsel verhafteten Schulschiffes �Bertha von Suttner� noch verstärkt. Fett und unbeweglich wie eine ins Ungeheure aufgeplusterte Kröte hockt das Gebäude, das nie für die Flußfahrt vorgesehen war und vor Jahren �eingeschwommen� werden musste wie ein Trockendock, am Ufer. Eine Schiffsattrappe in einer Stadt, die sich im Aufhäufen von Stadtattrappen gefällt und der längst die Schiffe ausgegangen sind. Vielleicht, wenn eines Tages durch einen Sturm die Stahltrossen des Schulschiffs gekappt werden und der riesige Torso breitseits in die Strömung treibt und die Brigittenauer sowie die neue Reichsbrücke wegreißt, vielleicht werden die Verantwortlichen dann verstehen, dass man an der Donau nicht ungestraft Schiffsattrappen aufstellen darf. Was schwimmt, sehnt sich nach der Strömung und der Reise, und wenn es die letzte sein sollte.

Erstveröffentlichung im "Cafe KPÖ" (Linz)