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2005-08-13

Der Fall Gross

Am 4. Septemder eröffnet das Wiener Volkstheather die neue Intendanz mit einer Produktion des Kärnter Regisseurs und Kommunisten, Hans Kresnik. Das Stück (Buch: Christoph Klimke) beschäftigt sich mit der Affäre Heinrich Gross, also jenem NS-Medizinier, der die Ermordung einer großen Zahl behinderter Kinder ("Unwertes Leben") auf dem Spiegelgrund zu verantworten hat, und nach dem Krieg - mit Unterstützung des sozialdemokratischen BSA - nicht nur weiter praktizieren, sondern auch in höchste Ämter aufsteigen konnte. Unter anderem trat Gross als gerichtlich beeideter medizinischer Sachverständiger in Strafprozessen auf.

Jahrzehnte lang war Gross Mitglied der SPÖ. Dadurch wurde Heinrich Gross zur Symbolfigur nicht nur für die Verbrechen der nationalsozialistischen Medizin, sondern auch charakteristisch für den Umgang, den ÖVP und SPÖ nach 1945 mit den Tätern der Nazi-Diktatur pflegten. Deren Reintegration in das politische und kulturelle Leben des Nachkriegs-Österreich ist untrennbar mit dem Kalten Krieg und den im seinen Zeichen forcierten Antikommunismus verbunden.

Der Standard berichtete vor wenigen Tagen vom Auffinden neuer Dokumente in sowjetischen Archiven, die Gross noch über das bereits Bekannte hinaus belasten. Auch eine Neuaufnahme des Strafverfahrens gegen den über 90-Jährigen könnte damit in den Bereich des Möglichen rücken.