2005-05-06
Vom Kapitalismus reden
Kritik am Kapitalismus ist nicht gleich Kapitalismuskritik
In wenigen Tagen jährt sich zum 60sten Mal der Jahrestag der Kapitulation von Nazideutschland. Für jene, die diesen Tag als einen Tag der Befreiung erlebten, war der berühmte Satz des Mitbegründers der Frankfurter Schule, Max Horkheimer, wonach der, der vom Kapitalismus nicht reden wolle, auch vom Faschismus schweigen sollte, plausibel - für viele auch Auftrag, die postfaschistische Gesellschaftsordnung in einer antikapitalistischen Perspektive zu gestalten.
Hierzulande ist von dieser Perspektive bekanntermaßen nicht allzu viel geblieben � und letztendlich feiert die österreichische Regierung mit ihrem "Gedankenjahr 2005" genau diesen Umstand ab. Ihr "Österreich ist frei" meint 1955, das Jahr des Staatsvertrags, und nur sehr am Rande 1945, das Jahr der Befreiung für abertausende KZ-Häftlinge und inhaftierte WiderstandskämpferInnen. Damit entsorgt das offizielle Österreich - weitgehend im Schulterschluss mit seiner loyalen Opposition - auch die Lehren der Befreiung vom Nationalsozialismus � wie zum Beispiel die Tatsache, dass die Barbarei des sogenannten 3. Reichs durchaus etwas mit Kapitalismus zu tun hatte.
Entsprechend redet man hierzulande schon lange nicht mehr vom Kapitalismus, schon gar nicht seit dem angeblichen "Ende der Geschichte" 1989.
Genau das tut jedoch in unserem Nachbarland seit einigen Wochen wieder die SPD � ausgerechnet ...
Wie es aber so ihre Art bzw. ihr historischer Auftrag ist, erledigt die Sozialdemokratie mit ihrer Kritik am Kapitalismus gleich auch die Kapitalismuskritik: Der Vorsitzende der SPD, Franz Müntefering, kritisiert nämlich nicht den Kapitalismus, sondern die Bindungslosigkeit einzelner Kapitalvertreter. Bei manchen Unternehmern stimme die Ethik nicht, recht eigentlich seien sie vaterlandslose Gesellen, so sinngemäß Müntefering in seinen mittlerweile berühmt-berüchtigten Erklärungen zum Thema: "Manche Finanzinvestoren verschwenden keinen Gedanken an die Menschen, deren Arbeitsplätze sie vernichten ... Sie bleiben anonym, haben kein Gesicht, fallen wie Heuschreckenschwärme über Unternehmen her, grasen sie ab und ziehen weiter. Gegen diese Form von Kapitalismus kämpfen wir."
Für den linken Hamburger Publizisten Joachim Bischoff ist diese Spielart von "Antikapitalismus" nichts weiter als ein Wahlkampfmanöver vor den wichtigen Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen, ein Manöver, das tatsächlich notwendige Kapitalismuskritik eher verhindert denn befördert. Auf der Website der Zeitschrift "Sozialismus" erklärt er weshalb.
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