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Julius Mende

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2005-07-01

Sport ist Mord � der Held vor Ort

SoziologInnen stellen eine rapide Zunahme von Extremsportarten in der gegenwärtigen Gesellschaft fest. Wir Angsthasen lesen darüber dann in der Zeitung, sehen im Fernsehen die Leichen von Helden, die durch Schluchten oder in Höhlen klettern und von Wassermassen verschlungen werden. Andere begeben sich freiwillig ins wilde Wasser und ersaufen. Meist sind es Männer, die Gefahren suchen, auch in luftiger Höh� beim Fliegen mit dem Drachen oder die beim Abfliegen in das Seil oder ohne Seil den Tod in den Schluchten suchen.

Mattscheiben und Fettsäcke wie ich können dieser männlichen Todessehnsucht nur mit einem kräftigen Schluck Wein begegnen, während die Versicherungen erwägen, die Todesgaukler mit höheren Prämien von ihren Flug- und Fluchtversuchen abzuhalten. Das Zeitalter des Neoliberalismus, wo die Ich-AG auch im Wirtschaften gefragt ist, forciert das risikofreudige Subjekt in allen Spielarten.

So musste ich bei der Lektüre eines Textes über die Heldenausstellung am Heldenberg in Niederösterreich lesen, dass nun Schluss sei mit der Miesmacherei von Risikobereitschaft und Opfermut. Die Propagandisten der Schau polemisierten im niederösterreichischen Kulturmagazin gegen Altachtundsechziger, die was dagegen hatten, dass WiderstandskämpferInnen und Popstars aufs gleiche Podest gestellt werden. Manch Kritiker verstieg sich zur Auffassung, dass Helden todeswütige Kampfmaschinen seien, die andere skrupellos mit in den Tod reißen, wenn sie ihre Opfer schlachten.

Es macht deutlich wenig Sinn, im Zeichen der Pluralisierung der Werte Freiheitskämpfer, Popidole und Extremsportler auf einem Heldenhügel zu versammeln, nur weil sie alle aus unserer Masse von Leistungsmuffeln hervorragen. Ein Sportsoziologe geht in der Zeitschrift "erziehung heute" den sozialen und sozialpsychologischen Ursachen für Überstrapazen bis zum Exitus nach. Der moderne Büromensch, schreibt er, hätte wenig lebendige Körpererfahrung in seinem Job und sei durch das soziale Sicherungsnetz gut und langweilig im Federbett verpackt und zudem in Arbeit und Freizeit fremdbestimmt und gegängelt. Angeblich auch ohne Unterschied der sozialen Herkunft und des Geschlechts. Fragt sich, ob der smarte Selbstmord nicht doch eher ein männliches Mittel- und Oberschichtphänomen ist.

Überzeugender ist der Aspekt der Selbstbestimmung, wenn man die Fremdbestimmung durch Heldenmythen und Fernsehreportagen mal beiseite lässt. Der Risikosportheld will sich selber spüren, seine Grenzen ausloten und selbst bestimmen, wann er genug hat, bis die Physik ihm zeigt, wo�s lang geht - ins Grab nämlich. Trotz aller Entfremdungskritik, die auch den Risikosport verständlicher machen kann, scheint das moderne Subjekt Supermann von einer intensiven Todessehnsucht getrieben zu sein. Da in unseren Breiten derzeit glücklicherweise keine Kriege toben, wo sich Freiwillige singend rekrutieren lassen könnten, ist es doch ganz gut, wenn�s die modernen Helden mit sich und an sich selber abmachen. Den Geisterfahrern ist diese "Fairness" der liberalen Ich-AGs leider abhanden gekommen.