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Erwin Riess

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2005-10-21

Herr Groll auf Reisen: Zürich, Juchstraße

Der Züricher Stadtteil Hard ist ein Arbeiterquartier. Hier wohnen jene, die nie in den entfernten Luxushotels am Seeufer absteigen. In der Juchstrasse, inmitten von Industriebauten und Bahngeleisen, befindet sich eine 1962 vom Baumeister-Verband errichtete Barackensiedlung, die derzeit von Bewohnern aus acht Nationen frequentiert wird. Die Siedlung sollte nur für zehn Jahre Bestand haben, eine Übergangslösung, bis moderne Quartiere für die Arbeitsmigranten fertig sein würden. Heute wohnen noch immer 265 Menschen in den Baracken. Für ein Einzelquartier zahlt man 410, ein Zweibettzimmer kommt auf 256 Franken. Teuer, meint der für die Baracken verantwortliche Roland Oldani vom Baumeister-Verband, dessen Großvater 1871 zu Fuß aus der Lombardei in die Schweiz gekommen war. Manche Mieter leben schon seit dreißig Jahren hier, erzählt der Aufseher, und er ist stolz darauf, daß es in all den Jahren nur eine einzige Messerstecherei gab.

In der Baracke gibt es Duschen, Stehtoiletten, eine einfache Küche mit vielen Kochplatten und einen Laden, allerdings ohne Frischprodukte. Die Gemeinschaftsräume, in denen viele die Sonntage verbringen, sind kahl und ungemütlich. Die Männer gehen fast nie aus, weil sie sparen. Wie der junge Portugiese, der jeden verfügbaren Franken an seine Frau und die beiden Kinder schickt. Er baut in seinem Heimatort ein Haus, wie es die Italiener früher taten. Aber die Italiener mussten feststellen, daß der Lebensabend im heimatlichen Dorf eine Schimäre war, denn oftmals blieb die Frau mit den Kindern in der Schweiz; auch waren die Dörfer leer und trostlos, die Alten tot oder ebenfalls verzogen und die Jungen geflüchtet.

Sandro Toldi kam 1960 aus Carrara in die Schweiz. Er war fünfundzwanzig und begann als Handlanger auf dem Bau. Mit nacktem Oberkörper wartete er vor seiner Einstellung stundenlang auf die obligatorische Röntgenuntersuchung. Sandro war kerngesund, die Firma, die ihn rekrutiert hatte, machte mit ihm einen guten Fang. Bis zu seiner Pensionierung vor ein paar Jahren arbeitete Sandro auf dem Bau. 1995 erlitt er einen Herzinfarkt und ist seither behindert. Auch seine Frau, die ebenfalls ihr ganzes Leben rackerte, als Wäscherin und Zimmermädchen in den feinen Hotels, und die daneben noch zwei Mädchen großzog, ist schwer krank, sie wurde mehrmals operiert. Die Töchter sind gut ausgebildet, eine ist verheiratet. Und beide werden wie ihre Eltern in der Schweiz bleiben. Aufgrund ihrer Beitragsjahre zur Sozialversicherung könnten Sandro und seine Frau die Schweizer Staatsbürgerschaft erwerben, das aber würde 2400 Franken kosten, und soviel haben die beiden nach vierzig harten Berufsjahren nicht übrig. Also bleiben sie Italiener und dürfen in der Schweiz nicht wählen.

Die Stiftung "Pro Senectute" hat es sich nun zur Aufgabe gemacht, dem Schicksal der rund hunderttausend alt gewordenen italienischen Arbeitsmigranten nachzugehen und eine Studie zu erstellen. Das wäre eine materialistische Definition von Reichtum, dachte Groll, der diese Geschichte im Lokalteil der "Neuen Zürcher" las. Als reich sind jene Staaten zu bezeichnen, in denen sozialwissenschaftliche Studiengesellschaften das Leid der Arbeitssklaven beforschen. Auf diese Weise ist allen gedient: Die Schweiz erfährt etwas über sich selbst, die Wissenschaftler haben Arbeit, und die Arbeiterrentner dürfen von ihrem entbehrungsreichen Leben erzählen.

Erstveröffentlichung im "Cafe KPÖ" (Linz)