2005-10-27
Herr Groll auf Reisen: B�lff, Neusiedlersee
Kurz nach Sopron war Groll gezwungen, das Tempo zu reduzieren, denn in schattigen Waldstücken lag noch Schnee auf der Fahrbahn. Die kleine Ortschaft B�lff lag am äußersten Ende des Schilfgürtels, vom See selber war nichts zu sehen. Nur die höchsten Erhebungen des Soproner Hügellandes erlauben einen Blick auf den ungarischen Teil des Neusiedlersees. "B�lff am Schilfgürtel" müßte die Ortschaft heißen, dachte Groll, als er die Abzweigung ins Ortszentrum nahm, das an einem steilen Abhang lag. Er fuhr im Schritttempo. Die Vorsicht machte sich bezahlt, als ein gelber Ikarus-Bus mit hoher Geschwindigkeit um eine Häuserecke bog und über die Fahrbahn schlingernd den Berg in Angriff nahm. Nur mit Mühe gelang es Groll, eine Kollison zu verhindern. Er durchquerte den Ort und hielt nach der "Pension Romantica" Ausschau. Groll zweifelte schon, ob das Zeitungsinserat, welches eine preiswerte rollstuhlgerechte Pension am Seeufer angepriesen hatte, ein Scherz gewesen war. Nacheinander fragte er drei Männer nach dem Weg. Alle drei waren betrunken gewesen, so auch der Radfahrer, den Groll vor den Toren der Mineralwasserfabrik angesprochen hatte. Der Mann, dessen Schnapsatem noch in drei Metern Entfernung zu riechen war, hatte sein Fahrrad auf den Boden gelegt und wollte Groll einladen, mit ihm zu kommen, er hätte selbstgebrannten Schnaps zu Hause. Ohne sich zu verabschieden war Groll davongefahren, der Radfahrer hatte geflucht und nach dem Wagen getreten. Dabei war er auf dem Eis ausgerutscht und rücklings auf die Straße gestürzt.
Endlich fand Groll die Pension. Sie lag an einer Seitengasse, am Ortsausgang, dort, wo das Gefälle am steilsten war. Eine schwindelerregende Treppe führte zum Eingang. Groll hupte mehrmals. Es dauerte lange, bis ein Männerkopf sich am Fenster zeigte. Wenige Minuten später saß ein blonder Bursche, der Sohn der Besitzerin, neben Groll und lotste den Wagen über einen vereisten Feldweg in die Rückseite des Anwesens. Groll lud den Rollstuhl aus und ließ sich von dem Jungen, der leidlich Deutsch sprach, über eine Rampe, die so steil war, daß Groll um ein Haar aus dem Rollstuhl gerutscht wäre, zum Haus hinunterführen, wo bereits eine grell geschminkte Frau mit hochtoupiertem blondem Haarschopf auf ihn wartete. Das Haus erwies sich tatsächlich als rollstuhlgerecht, den Grund sah Groll bald. Der Großvater saß, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt, im Rollstuhl. Stufen und andere Hindernisse im Haus waren entfernt worden, so daß der alte Herr sich zumindest hier bewegen konnte. Er sei früher Fischer gewesen, erzählte die Blonde. Der Alte tat, als höre er sie nicht; trotzig löffelte er eine Suppe und verschüttete dabei die Hälfte. Er sehe, daß es sich bei der Pension um ein vorbildlich eingerichtetes, von menschlicher Wärme erfülltes Haus handle, sagte Groll. Im Sommer würde er gern für ein paar Tage die Gastfreundschaft der "Romantica" genießen, für den Winter aber müsse er infolge der schwierigen Zufahrt von einem Besuch Abstand nehmen.
Die Wirtin zeigte sich verständig und half Groll über den Hang zum Wagen zurück. Dabei redete sie unentwegt auf ihn ein, lobte das Klima, den Wein und die Luft. Groll klopfte den Schnee von den Rädern und bewunderte die Ausdauer der Wirtin, die mit Sandalen im Schnee stand. Am Hauptplatz suchte Groll das Dorfwirtshaus auf. Ein blasser Jugendlicher half ihm über eine Stufe ins Lokal. Bald darauf ruhte Grolls Blick liebevoll auf einem Topf mit dampfender Fischsuppe, und er beschloß bei sich, im "Manhattan Wheeling Courier" einen lobenden Bericht über die Pension zu schreiben.