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Julius Mende

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2005-08-26

Die Genetiker sind los!

"Brave New World" von Aldous Huxley ist ja in vielen Lebensbereichen realisiert. Für das Bildungswesen eröffnet die immer genauere Entschlüsselung der genetischen Programme unterschiedlichster Menschen erstaunliche Möglichkeiten. Ist der Fingerabdruck in den Reisepässen erst einmal durchgesetzt, ergeben sich daraus ungeahnte Sparmaßnahmen für Schulen und Hochschulen. Gerade ist man ja dabei, für alle Bildungseinrichtungen neue Zugangsbeschränkungen in Form von Aufnahmetests zu entwickeln.

Kürzlich wurde gemeldet, dass sogar das aggressive Potenzial eines Menschen genetisch bestimmt ist, eine Erkenntnis, die für die Feststellung der Intelligenz schon längst als gesichert gilt. Nachdenkliche Forscher merken noch an, dass ein gewisser Einfluss des Milieus nicht auszuschließen sei, aber im Großen und Ganzen steht schon bei, was heißt: vor der Geburt fest, was aus Hänschen wird. In Abwandlung des bekannten, eher milieutheoretisch begründeten Spruches: Was Hänschen nicht in den Genen hat, lernt Hans nimmer mehr. Da ist das Bild vom Apfel, der nicht weit vom Stamm fällt, schon zeitgemäßer.

Könnte man jetzt die sog. Begabung schon mit dem Fingerprint erkennen, könnte man die Lernenden durch Abnahme des Abdrucks für entsprechende Bildungsanstalten aussortieren. Für die gar nichts dafür steht, gäbe es einfache Auffangschulen, wie jetzt die Sonderschulen. Verständlich ist, dass sich die Wissenschaften von der Genforschung bis zur Hirnphysiologie für die Bewegungen von Geist, Seele und Körper interessiert und wie das alles im Hirn geschaltet und reguliert wird, wie viel Strom und Chemie da wo wirkt und was davon schon im Mutterleib beim Fötus feststeht.

Beobachtbar ist aber auch, dass in politisch reaktionären Epochen die Vererbungslehrer wieder Oberwasser bekommen. Verheerend ist, dass durch die modernen Medien primitiv vereinfachende Lehren aus all diesen Disziplinen popularisiert werden und das Massenbewusstsein, das mit Apfel und Stammsprüchen sowieso alltäglich geformt wird, noch sozusagen wissenschaftlich bestärkt wird in reaktionär biologistischen und rassistischen Ansichten. Denn die Genetiker machen natürlich vor dem farbigen Bewusstsein nicht Halt, um dessen Minderwertigkeit zu konstatieren.

Verantwortliche Darlegungen der Begabungsproblematik verweisen auf den komplizierten Mix aus Begabung und Vererbung, Eigensinn und Umwelt und würden berichten, wie wenig man eigentlich über die Konstituierung unseres Bewusstseins derzeit wissen kann. So verständlich das Erkenntnisinteresse der Einzelwissenschaften an der Vertiefung ihrer Zugänge ist, so wichtig wäre auch in der Popularisierung, die Vernetzungen zwischen den Wissenschaften und ihre Ergebnisse darzulegen. Nur in einer Welt, die Konkurrenz und Vernichtung des Untüchtigen zur alleinigen Triebkraft einer gesunden Gesellschaft erklärt, wird Tüchtig und Untüchtig, Alt und Jung gegeneinander ausgespielt - und zwar fast jeden Tag in allen Medien. Hier bleibt man mit solchen An- und Einsichten weitgehend chancenlos � untüchtig eben gegenüber Forschern, die sogleich einen Journalisten zur Hand haben, der aus einem kleinen Experiment gleich die Bestätigung des determinierten Platzes des Einzelnen in der Gesellschaft ableitet.