Logo HEUTE

HEUTE
HINTERGRUND
ANGEBOTE
TERMINE
KONTAKT

Didi Zach

Druckversion

2005-03-14

März 1938 - War da was?

Wer am Wochenende die Ausgaben der Tageszeitungen studierte, mußte feststellen, dass der 12. März 1938, der Tag, an dem die Hitler-Armeen in Österreich einmarschierten, kaum einer kurzen Notiz wert ist. Weder die militärische Annexion und der Widerstandsaufruf der KPÖ, noch die nachfolgenden Aktivitäten des Nazimobs und der Jubel am Heldenplatz kamen zur Sprache.

Da der Umgang mit den Geschehnissen im März 1938 jedoch in keiner Weise mangelndem Quellenmaterial geschuldet ist, einige Hinweise für Newsgroup-AktivistInnen und Interessierte.

Im von Gerhard Botz 1988 publizierten Werk "Nationalsozialismus in Wien" wird beschrieben, wie österreichische NS-Gefolgsleute noch in der Nacht des 11. März einen Hexensabbat auf den Straßen Wiens entfachten - "Männer und Frauen brüllten und schrien hysterisch den Namen ihres Führers, umarmten die Wachleute und zogen sie mit sich in den wirbelnden Menschenstrom". Die SA begann ihre Plünderungszüge gegen jüdische Geschäfte - wer sich widersetzte, wurde mißhandelt. Jüdische Warenhausbesitzer, Fabrikanten, Bankiers wurden inhaftiert.

Am 12. März begannen die "Verhaftungen in bis dahin unvorstellbarem Ausmaß" - wobei (laut Untersuchungen) wahrscheinlich 10 - 20tausend Menschen für längere Zeit inhaftiert wurden, jedoch die Zahl der "kurzfristig und ohne Haftbefehl Festgenommenen dürfte wesentlich höher liegen."

In der Dokumentation "Anschluß" 1938 (herausgegeben vom Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes, Wien 1988,) werden die Erinnerungen des englischen Korrespondent G. E. R. GEDYE wiedergegeben: "Von meinem Büro am Petersplatz konnte ich auch Wochen hindurch den Lieblingssport des Nazimobs beobachten: jüdische Männer und Frauen wurden gezwungen, auf allen vieren kriechend, den Gehsteig mit einer scharfen Lauge zu reiben, die ihnen die Haut verbrannte, so daß sie sich sofort in Spitalsbehandlung begeben mußten. (...) (Jetzt wurden) tagtäglich Juden, Frauen und Männer, von der SA aus Geschäften, Büros und Wohnungen geholt und gezwungen, inmitten einer sich drängenden, stichelnden und lachenden Menge von "goldenen Wiener Herzen" mit Ausreibbürsten, auf allen vieren kriechend, stundenlang die Gehsteige zu reiben, in dem hoffnungslosen Versuch, die Spuren der Schuschnigg-Propaganda zu beseitigen. (Wo es keine Kruckenkreuze wegzuwaschen gab, malten sie die Nazi selbst auf den Gehsteig, um den Juden so eine Arbeit zu schaffen.) Von Zeit zu Zeit johlte die Menge vor Vergnügen auf. Dies bedeutete dann, daß einer der SA-Männer höhnisch gesagt hatte "Sie brauchen frisches Wasser" und dabei einen Kübel voll Schmutzwasser über sein Opfer gegossen hatte."

Ebendort finden sich auch interessante Hinweise auf die Berichterstattung ausländischer Zeitungen über die Ereignisse: News Chronicle (17., Zürich, "Schreckensregime in Wien"): /.../ In ganzen Straßen der Leopoldstadt wurden die jüdischen Geschäfte von Plünderern vollständig geleert. Diese behaupten, daß die Waren von der NSDAP gebraucht würden. Widerstand bedeutet sofortige Verhaftung. Mehrere tausend prominente Juden sind verschwunden, und ihre Familien können nicht sagen, ob sie im Ausland, im Gefängnis oder sonstwo sind. In jüdischen Wohnungen können zu allen Tag- und Nachtstunden Untersuchungen vorgenommen und /diese/ von Gangstern, die sich als SA-Männer ausgeben, ausgeplündert werden. (siehe Website des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes)

Zum Auftritt Hitlers notierte Gedye: "Wenn man sagt, daß die Massen auf der Ringstraße vor Begeisterung wie wahnsinnig waren, als sie Hitler begrüßten, so ist dies alles eher als eine Übertreibung. Trotz der Gewaltakte und Schreckensszenen, die - wie ich wußte - dem Einzug folgen würden, fand ich etwas Pathetisches an der begeisterten Überzeugung dieser Vertreter des kleinen Mittelstandes, die, durch ihren Fanatismus aus der gewohnten Behäbigkeit gerissen, fest glaubten, daß für sie das Tausendjährige Reich angebrochen war - mit der Ankunft des kleinen Mannes in der braunen Uniform, der, in dem riesigen Militärauto aufrecht stehend, nun rasch an der Hofburg vorbei zum Hotel Imperial fuhr, dessen Gäste ihm hatten weichen müssen." (auch hierzu Link zum DÖW)

Nur logisch und konsequent, dass die Medien allesamt auch kein Wort über den Widerstandskampf tausender KommunistInnen schreiben, "die in vollem Bewußtsein um die tödlichen Konsequenzen ihres Tuns für ein freies, unabhängiges und demokratisches Österreich kämpften." (siehe Presseerklärung der KPÖ zum 12. März 1938)