2005-07-12
Ich-AG - ein Arbeits-Los
Vor kurzem erzählte mir eine Bekannte, sie habe große Schmerzen in der Hüfte, denn die sei ziemlich abgenützt, wozu ihr früherer Sitzberuf sicher beigetragen habe. Ich habe ihr zu einer Operation geraten, nicht zuletzt, weil ich eine solche gerade erfolgreich hinter mir habe und das neue, schmerzfreie Leben damit ein großer Gewinn ist. Und ich erfuhr folgende Geschichte:
Die Bekannte, sie ist 50 Jahre alt, war fünf Jahre lang arbeitslos. Sie hat zu ihrer kaputten Hüfte auch noch einen Herzfehler, was ihr eine bescheinigte fünfzigprozentige Behinderung einbrachte. Und damit hat sie nach den langen Jahren der Arbeitslosigkeit endlich einen Behinderten-Arbeitsplatz bekommen. Sollte sie sich die Hüfte operieren lassen, würde sie nicht nur die fünfzigprozentige Behinderungen einbüßen, sondern auch ihren Behinderten-Arbeitsplatz. Und das sei für sie undenkbar, dann lieber Tag und Nacht Schmerzen. So sind die neuen Arbeitsverhältnisse. Niemand traut sich mehr krank zu sein, denn es warten unzählige andere, die Arbeit suchen.
Der kürzlich erhobene Arbeitsklima-Index der Arbeiterkammer hat ergeben, dass die Lebenszufriedenheit unter den mehr als 250.000 Arbeitslosen in Österreich gering ist. Wer keine Arbeit hat, hat nur geringe Hoffnungen für die Zukunft. Doch manche Menschen sind erfinderisch. Sie gründen eine Ich-AG, um der Hoffnungslosigkeit ihrer Lebensperspektive zu entkommen. Diese neue Gründerwelle wurde ja auch von diversen Institutionen und dem AMS entsprechend gefördert. Doch nun stellt sich heraus, dass alles Gründen in die Hosen gehen kann. Der Kreditschutzverband von 1870 (KSV) verzeichnet immer mehr Firmenpleiten. Sowohl Unternehmensinsolvenzen als auch Privatkonkurse sind in Österreich stark im Steigen. Die Zahl der Firmenpleiten vermehrte sich im ersten Halbjahr 2005 um 15,1 Prozent, die der Privatkonkurse um 17 Prozent. Hochgerechnet auf das ganze Jahr werden vom KSV rund 7.000 Unternehmensinsolvenzen erwartet, ein Firmensterben mit einer Rate von fast 30 Firmen pro Bankarbeitstag. Am meisten trifft es die Kleinen, etwa Ein-Mann-Computerfirmen oder Gastronomiebetriebe, gefolgt von der Dienstleistungs- und Baubranche.
Die sogenannte Gründerwelle beruht auf lauter "abhängigen Scheinselbständigen", meint auch die Arbeiterkammer. Laut Statistik des Hauptverbandes stieg die Zahl der pflichtversicherten Selbständigen in den letzten zehn Jahren von 214.000 auf rund 304.000, gleichzeitig blieb die Zahl der Betriebe, die ArbeitnehmerInnen beschäftigen, konstant. Das heißt, der Zuwachs an selbständigen Erwerbstätigen geht de facto auf einen Zuwachs von Einpersonen-Unternehmen, den sogenannten "self-employed persons" zurück.
Mit selbständiger Erwerbstätigkeit können die Beschränkungen des Zugangs zum österreichischen Arbeitsmarkt umgangen werden. Was viele Menschen aus den neuen EU-Ländern zu nutzen wissen und viele Firmen schätzen, denn "Ein-Personen-Unternehmen" kommen sie billiger als reguläre Arbeitsverhältnisse. Mittlerweile suchen Supermarkt-Ketten bereits selbständige Regalbetreuerinnen. Für die Betroffenen aber heißt das: unsicherer Verdienst, keine geregelte Arbeitszeit, keine Absicherung bei Krankheit oder Arbeitslosigkeit, geringe Weiterbildungschancen.