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Claudia Volgger

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2005-03-12

Tücher oder keine

Selbstverständlich gibt es den oft geleugneten politischen Aspekt der Kopftuchdebatte. Natürlich geht es insbesondere von den Muslimbrüdern (eine der ältesten islamistischen Organisationen, in Ägypten gegründet und sich auf Qutb berufend) beeinflussten Gruppierungen auch um die Anwendbarkeit der Scharia auf europäischem Boden. Wer das bezweifelt, braucht nur ein wenig zu lesen, Gilles Kepel zum Beispiel, und es wird sich ein roter Faden durch den mit Versatzstücken aller möglichen Debatten angereicherten Argumentationswust finden lassen.

Dass gerade konservative PolitikerInnen, zuletzt Liese Prokop, so empfindlich auf diese Position einer Minderheit auch innerhalb der gläubigen muslimischen Gemeinden reagieren, verweist auf ein Konkurrenzverhältnis im Bereich der Legitimation: sie selbst regieren, wo sie können, in moralischen Belangen - wenn auch gezwungenermassen immer impliziter - eher im Namen des Vaters als der Republik.
Das versetzt, wo Einschränkungen gesetzlicher Art erwogen werden, alle Kopftuchträgerinnen in eine Situation der Entscheidung zwischen zwei Vätern: die Forderungen von Vater Staat stehen gegen den Auftrag der Imame bzw. Allahs. Jungen Mädchen in einem Alter, in dem die Klärung des Verhältnisses zur Familie, zum physischen Vater Hauptaufgabe auf dem Weg ins erwachsene Leben ist, wird damit keineswegs, wie etwa Alice Schwarzer argumentiert, Raum eröffnet: sie werden nach der schönen alten Tradition, nach der der Besitz an Frauen über die Verteilung der Macht (mit-)entscheidet, zerrissen.

Zudem ist die Verantwortung für die (öffentliche) Moral nicht nur eine höchst prekäre, sondern ebenfalls eine, wenn auch untergeordnete, Machtposition. Wo sie die einzige ist, die Gesellschaften Frauen zur Verfügung stellen, wird sie attraktiv bleiben.

Und die Mädchen, die tatsächlich bedroht, zwangsverheiratet, gezwungen werden? Für die könnte, mit Hijab oder ohne, genügend getan werden, falls das irgendwem den einen oder anderen Cent wert wäre. Die Kopftuchdebatte wird unter anderem geführt, weil sie nichts kostet.

Wenn es dagegen um eine Einführung der Scharia geht, dann erübrigt es sich, den Streit über die Körper von Frauen zu führen. Da reichen die bereits bestehenden Gesetze (sofern man bereit ist, sie anzuwenden, insbesondere auch wo es um Schutz vor häuslicher Gewalt geht) durchaus.