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Lutz Holzinger

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2005-09-18

Große Solidarität mit kleinem Hirn?

Vor kurzem ist die "Solidarität" ("ÖGB-Zeitschrift für die Arbeitswelt") in neuer Aufmachung und in größerem Format erschienen. Diese Umwandlung soll laut ÖGB-Chef Fritz Verzetnitsch folgendem Aspekt Rechnung tragen: "Immer mehr ArbeitnehmerInnen sind mittlerweile MitarbeiterInnenn in internationalen Produktions- und Dienstleistungsunternehmungen. Umso wichtiger sind berufsübergreifende Informationen aus der Arbeitswelt. Schnell, übersichtlich und ausführlich. Ich bin überzeugt, die neue, große Solidarität wird genau diesen Ansprüchen gerecht."

Dass im ÖGB eine babylonische Begriffsverwirrung in Belangen herrscht, in denen es um Kern- und Kampffragen der Werktätigen geht, bezeugt nicht nur das Hoppala von Verzetnitsch, die Beschäftigten als ArbeitnehmerInnen zu bezeichnen. Auch der an sich ambitionierte Aufmacher des Blattes, in dem es um die Ausplünderung von 150 indonesischen und südkoreanischen Arbeitern bei Abbrucharbeiten auf dem Gelände der VOEST in Linz geht, ist in diesem Punkt nicht sattelfest. Er trägt den irreführenden Titel: "Gewerkschaft deckt Ausbeutung auf".

Ausbeutung, liebe Leute, ist ein von Marx bei der Ausarbeitung der Wertlehre kreierter wissenschaftlicher Begriff und hat mit moralischer Wertung nichts zu tun. Mit ihm wird die Tatsache bezeichnet, dass die Werktätigen für den Lohn, den sie erhalten, dem Unternehmer ihr gesamte Arbeitsfähigkeit überlassen. Die Differenz zwischen den Kosten für die Reproduktion der Arbeitskraft und dem Wert der von ihr erbrachten Arbeitsleistung ist der Mehrwert, den der Unternehmer sich in Form von Profit oder Gewinn aneignet.

Diese Einsicht gehört in gewerkschaftlichen Kreisen zu den Grundbegriffen, die als erforderlich erachtet werden, um die Funktionsweise des Kapitalismus zu verstehen � unabhängig davon, ob man ihn gut heißt oder nicht. Wer sich jedoch � wie in den beiden oben angeführten Fällen � von vornherein der Sprache des Klassengegners bedient, wird sich schwer tun, ihn einigermaßen im Zaum zu halten. Nicht nur die Vorfälle in Linz, vor allem der Absturz der Lohnquote beweisen es.