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2005-03-05
Der Stalinismus war historisch weder unvermeidlich, noch kann man denjenigen zustimmen, die unterstellen, er folgte logisch aus den Prämissen der kommunistischen Ideologie. Wie ich zu zeigen versuche, ergibt sich sein Kern daraus, dass er den humanistischen Gehalt des Kommunismus praktisch und theoretisch negiert. In diesem Sinn ist Stalinismus tatsächlich ein Anti-Kommunismus. Darüber hinaus muss man aber angesichts unserer heutigen durch immer stärkere Ungleichheit und globale Gefahren bedrohten Welt festhalten: Die von den kommunistischen Parteien im vergangenen Jahrhundert auf die Wege gebrachten revolutionären Projekte waren nicht nur heroische Versuche, aus Krieg, Unterdrückung und Ausbeutung auszubrechen, sondern auch legitime Antworten auf bis heute nicht gelöste gesellschaftliche Krisen. Darin besteht die bleibende historische Bedeutung der russischen Oktoberrevolution. Die Sowjetunion setzte nicht nur ein bis dahin nicht gekanntes Beispiel einer "nachholenden Entwicklung" (Robert Kurz). Aus einem rückständigen Agrarland an der kapitalistischen Peripherie wurde in historisch kurzer Frist ein mächtiger Industriestaat mit beachtenswerten sozialen und kulturellen Errungenschaften. Die Menschen der Sowjetunion leisteten den militärisch ausschlaggebenden Beitrag bei der Niederringung des Faschismus. Das von der Sowjetunion hergestellte internationale Kräfteverhältnis ist wesentlich dafür verantwortlich, dass ein Dritter - nuklearer - Weltkrieg verhindert und das Kolonialsystem aufgelöst wurde. Auch die Schrecken der stalinistischen Herrschaft - vor allem in der Sowjetunion selbst - lassen den historisch unbefangen Urteilenden diese bleibenden Leistungen nicht verkennen. Die Legitimität vergangener, heutiger und zukünftiger revolutionärer Versuche wird, so meine Überzeugung, auch durch die stalinistische Pervertierung des Kommunismus nicht aufgehoben.
Aber es geht nicht nur um unsere Sicht auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts. Bis in die heutige Zeit gilt: Wo immer das stalinistische Prinzip sich im kommunistischen Diskurs merkbar macht, repräsentierte es die zerstörerischen bzw. selbstzerstörerischen Tendenzen in der Linken. Die Staaten, in denen versucht wurde, einen Sozialismus aufzubauen, und denen es trotz wiederholter Anläufe nicht gelang, sich von diesem Prinzip zu emanzipieren, sind nicht mehr. Mit ihnen ist auch der kommunistische Diskurs untergegangen, der sich in die Tradition des Stalinismus stellte. Nicht nur weil er seinen wichtigsten weltpolitischen Bezugspunkt verloren hat, sondern vor allem, weil er unfähig ist, die aus der heutigen Wirklichkeit erwachsenden Aufgaben zu erfassen. Aber das bedeutet weder ein Ende der Geschichte noch muss es das Ende des Kommunismus als solchem bedeuten.
Die Problematik, die sich für diejenigen stellt, die auf eine kommunistische Erneuerung hinarbeiten, hat Georg Lukacs bereits in der zweiten Hälfte der 60er-Jahre erkannt [G. Lukacs: Marxismus und Stalinismus]: "Da Stalin es (...) durchzusetzen vermochte, dass er als der legitime Erbe Lenins, als sein allein authentischer Ausleger, dass er als vierter Klassiker anerkannt werden sollte, hat sich das verhängnisvolle Vorurteil von der Identität der Stalinschen Theorien mit den Grundprinzipien des Marxismus immer stärker verfestigt".
Anders ausgedrückt: Stalinismus und Kommunismus waren niemals identisch, und konnten doch identifiziert werden, vor allem weil es die KommunistInnen zuließen. Gleichzeitig wurden anti-stalinistische Versuche, und deren gab es nicht so wenige in der Geschichte der revolutionären Bewegungen, als Abweichung ausgegrenzt, bekämpft und verfolgt. So tragisch dieser Umstand ist, bedeutet er aber auch, class ein neuer Kommunismus nicht vom Nullpunkt aus starten muss.
Nicht am Stalinismus und an den von ihm verformten Diskursen lässt sich heute anknüpfen - deren moralische, theoretische und politische Überwindung ist für die KommunistInnen, die es bleiben wollen, unabweisbare Notwendigkeit; sondern an der Widerständigkeit, am Internationalismus, der Solidarität und am rebellischen Demokratismus, der im geschichtlichen Kommunismus auch daheim war. Karl Marx umschreibt in einem frühen Text [Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie] einen "kategorischen Imperativ": "Alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist ..." In diesem Sinne würde der neue Kommunismus auch der alte werden.
Aus: Baier, Walter und Muhri, Franz: Stalin und wir. Stalinismus und die Rehabilitierung österreichischer Opfer. Wien 2001. S. 28 ff.