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Julius Mende

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2005-07-17

Wir Autoidioten sind Aut(o)isten

Die alleinige Anrede der Männer ist bei diesem Thema wohl legitim. Zwar wird es auch weibliche AutofetischistInnen geben, aber vom Image her ist das Auto vor allem als Prestige- und Raserspielzeug mehrheitlich Männersache, wie die Autofahrerzeitungen, die Autosalons und der Blick in die Autos auf der Straße beweisen. Noch nie gab es in unseren Breiten so viele Spielzeugautos, Sportwagen und Pseudogeländewagen zu sehen. Nie, seit den Nachkriegsjahren, seit ich Autofetischist Autos bewundere.

Zwar ist das Jahrhundert des Autos vorbei und durch das Jahrhundert der Computer abgelöst, was deren Funktion als Leitfossile einer Epoche anbetrifft. Doch eignet sich das Auto nach wie vor besser als Prestigeobjekt für den öffentlichen Raum. Wer würde schon, so wie die Jungen in den 50er Jahren mit ihren Kofferradios auf den Schultern herummarschierten, seinen Laptop schultern?

Die ungeheure Menge an Spielzeugautos jeder beliebigen Marke verweist nicht auf das Bedürfnis nach möglichst individueller Transportleistung, sondern weisen das Auto als wesentlichen Fetisch der Industrie- bzw. Freizeitgesellschaft aus. Der Nutzen eines Porsches oder eines Geländewagens ist ja beschränkt. Mit beiden kann man kaum die Fußgängerschwellen der 30-Kilometer-Zonen bewältigen. Mit Sportwagen kann man keine Menschen transportieren, ihr Geschwindigkeitspotenzial darf man nicht ausfahren, es sei denn bei Prominentenralleys, und ihr technischer Standard ist weit weniger spektakulär als ihr toll designtes Schnauzerl. Trotzdem erhalten sie, eben wegen ihres Aussehens, liebevolle Namen, und Mann freut sich, wenn er, der Elektronik sei�s gedankt, mit seinem Mausi auch noch reden kann. Nicht genug, der neue Papst hat sich in die Herzen der Autofreaks geschraubt, indem er ihre absurden Lieblinge kürzlich auf dem Petersplatz segnete � gut, die segnen ja auch Kanonen, was soll�s.

Die Karossen sind in einer breiten Vielfalt gestaltet, allerdings nur in unwichtigen Details wie Kühlergrill, Stoßtangen oder Spoiler. Vielfältigkeit paart sich mit Einfältigkeit. Genauer hingesehen, verstimmt das Design das Bewusstsein. So sehr das Äußere dem Eigentümer Individualität vorgaukeln möchte, worum sich auch die normalen Pkws bemühen, so nivelliert sind die Grundformen und erst recht das Innere. Die Innereien der Autos werden meist typenübergreifend von Großlieferanten ganzer Baugruppen, etwa von Magna, geliefert. In ganz Europa gibt es zwei Hersteller von Kupplungen, alle kommen von einem der beiden.

Vergleicht man die Autos der 50er Jahre mit den heutigen, waren sie der Form nach viel unterschiedlicher, etwa ein 2CV und ein Buick oder der große Citroen und ein Mercedes. Die moderne Fertigungstechnik zwingt zum heutigen Sardinendosendesign. Die Montage durch Roboter soll möglichst problemlos geschehen, weil genaues Hinsehen oder Montieren an schwer zugänglichen Stellen nicht die Stärken der künstlichen Arbeitsarme sind. So müht sich die Autoindustrie, das Geschäft am Laufen zu halten mit Scheininnovationen. Die Kreditwirtschaft bietet eine breite Palette an Schuldenmacherei, von der Ratenzahlung bis zum Leasing. Und die Autofetischisten werden mit dem schiefen oder wieder strengeren Lächeln ihrer Lieblinge belohnt.

Als relativ gut situierter Mittelständler wundere ich mich über die Masse der teuren Wagen, die herumfahren oder wohl mehrheitlich stehen: Wer kann sich Autos um 40.000 bis 100.000 Euro leisten? Die meisten sind wohl Schuldenberge auf Rädern. Die Treibstoffpreise ziehen rasant an. Die sinnvolle Parkplatzbewirtschaftung macht das Stehen immer teurer. Die Umwelt leidet unter Feinstaub und CO2.

An Vorteilen bleiben nur die echte Individualisierung des Fahrens, das selbstbestimmte Wählen des Fahrzieles, der Routen und der Geschwindigkeiten. Diese Lüste, häufig von Alleinfahrern genossen, sind das wahre Geheimnis der Faszination des Autos bis zum Genuss des eigenen Heims im Urlaubsstau. So schlägt Quantität in Qualität um. Im Stau werden Arm und Reich, Sportflitzer und Familienkutschen demokratisch vereint � schönen Autourlaub!