2005-10-15
Alltag in Wien
Nun ist die Autorin dieser Zeilen zwar höchstselbst Spitzenkandidatin der KPÖ, doch heute muss sie trotzdem dem Herrn Bürgermeister ihre Bewunderung aussprechen. Denn der ist ja wiederum höchstselbst dafür zuständig, dass man und frau nirgendwo lieber leben als in Wien. WienerInnen bestätigen in jeder Umfrage (zuletzt auch in "trend"), wie glücklich sie sind, wie wohl sie sich in ihrer Wienerstadt fühlen. Wie lange z. B. müssen Herr Hahn (höchstselbst Spitzenkandidat der ÖVP) und seine Strategen überlegt haben, wie sie so tun könnten, als würde eine erstarkte ÖVP uns (noch) mehr Lebensqualität bescheren. Wie lange überlegt haben, um einen Streifen in Wien zu entdecken, der dem Freizeitvergnügen der WienerInnen noch nicht erschlossen wurde. Eventuell inspiriert durch den miesen BesucherInnenschnitt am "ÖVP-Strand" fordert Hahn eine Freizeitmeile am Donaukanal. Womit er übrigens seiner Kandidatin der Inneren Stadt, Ursula Stenzel, in gewisser Weise widerspricht. Jammert diese doch gegen "Eventkultur" für ihre Klientel im schönsten Schönbrunner-Deutsch, dass der 1. Bezirk "nicht zu einer permanenten Silvester-Meile verkommen" dürfe, und spendet leidenschaftlich den wunderhübschen Sager: "Wie schön ist der Rathausplatz, wenn er einmal leer ist!"
Leere Plätze mögen die WienerInnen, die Frau Stenzel nicht vertritt, aber nicht. Steht wo eine Fressbude oder gibt es Luftballons, sind sie da. (Wolf Haas kreierte ja in einem seiner Krimis treffend: "Die Sozis haben schon überlegt, dass sie für ihr Fest einfach die Donau abpumpen und statt dessen Freibier einlassen, da könnten sie sich das ganze Buden-Aufstellen sparen und die Leute einfach zum Ufer treiben, aber leider technisch noch nicht machbar.") Gibt es gerade kein Donauinselfest, scheint die Sonne im Frühjahr oder Herbst, sind sie im Prater, im Lainzer Tiergarten, in Oberlaa, am Bisamberg, auf der Schmelz, je nach Wohnadresse.
Auch die Spitzenkandidatin der KPÖ ließ sich an einem Sonntag im späten September im Prater die Sonne auf den Bauch scheinen und nahm im Anschluss auf der Terrasse zwischen Schweizerhaus und Zwergerlhochschaubahn eine Melange und Süßes zu sich. Sie und alle BegleiterInnen fühlten sich pudelwohl. Und rundherum junge, alte Menschen auf den Spielplätzen, in der Liliputbahn, alle pudelwohl.
Und weil der Wahlkampf nicht spurlos bleibt und weil der Herr Bürgermeister es versteht, dieses pudelwohl (das auf den Spielplätzen und Wiesen auch noch völlig gratis ist) auf seinen Plakaten zu bedienen, war uns eines völlig klar: das haben wir IHM zu verdanken.
Einer unter uns hatte vor diesem gelungenen Sonntag auch schon einen gelungenen Samstag hinter sich � auf der Rax. Herrliche Wanderung, herrliche Weitsicht, herrliche Heimfahrt, herrlicher Empfang durch die Skyline. Und weil aber auch hierbei politisiert wurde, und weil aber auch hierbei SEINE Strategien diskutiert werden wollten, kam der Bergfex mit einem Ratschlag für die Spitzenkandidatin zurück: Sie solle doch dem Herrn Bürgermeister � ER, der uns ja alles Gute, Angenehme und Schöne beschert � für die Wiener Hausberge danken! Das würde doch ein Quäntchen pudelwohl ausdrücken, gleichzeitig aber die nötige Portion Ironie mitbringen. Das fand die Spitzenkandidatin verlockend. Wir danken unsrem Herrn Bürgermeister auch für die Wiener Hausberge ...
Nach dem Sonntag allerdings kommt der Montag und da wird man bekanntlich von der Realität meist wieder eingeholt. In diesem Fall wurde die Idee in ihrer Ironie von der Realität höchstselbst übertroffen, denn ER ist nicht nur für die Hausberge und Ausflugsziele zuständig, ER ist nicht nur die Stadt, nein, ER ist auch das Wetter! � Auf Teletext Seite 602, dem Wiener Wetter, der Seite, auf die die Spitzenkandidatin und hunderttausende WienerInnen beim Frühstückskaffee einen Blick werfen, prangt täglich eine kleine wahlwerbende Nachricht von wahlweise "SPÖ" oder "Michael Häupl". Und was liest da die Spitzenkandidatin? "Mehr Sonne für Wien! Am 23. Oktober Michael Häupl." Da hat er doch glatt nicht nur die Wiener Hausberge aufgestellt, er kümmert sich auch noch um den Sonnenschein. ER macht es selbst einfach besser als all seine KommentatorInnen.