2005-07-07
Alltag in der Republik
Man kann gar nicht so viel essen, wie man kotzen möchte � lautet der etwas markige Evergreen. "Man kann ja in zwei Wochen gar nicht so viele Klartexte schreiben, wie in diesem Land Unsinn zuerst sich ausgedacht und dann auch noch geredet wird" - schreibt Nani Kauer in ihren gewerkschaftlich beseelten Klartext-Kolumnen, die eben als ÖGB-Verlagsbuch erschienen. Und wirklich, das alltägliche und sonntägliche Zeitungs- und Illustriertenlesen kann mehr ver- als entspannen. Die Krone zur Hand zu nehmen, verlangt starke Nerven. Damit leben wir wie selbstverständlich. Den Wiener FPÖ-Postwurf nicht ung�schaut zu entsorgen, kann fast als urbanes Überlebenstraining ausgelegt werden. - "Die Parkbänke, die Liegewiesen besetzt von Frauen in orientalischen Gewändern, Männern mit sultanartigen Turbanen und Kindern, die alles umrennen, was sich ihnen in den Weg stellt. Die Donauinsel erinnert in den Sommermonaten an eine Neuauflage der 'Belagerung von Wien'. Wenn sich ein immer größerer Teil der Bevölkerung absondert und sog. Parallelgesellschaften bildend, bestimmte Bereiche des öffentlichen Raums okkupiert, ..., wird das in einer Großstadt, in der Raum allgemein knapp ist, zu einem gravierenden Problem. ... Eine Gesellschaft kann jedoch nur gedeihlich funktionieren, wenn sie in sich zusammenhält, wenn jeder willens ist, sich für den anderen einzusetzen. Das ist aber nur dann der Fall, wenn die Mitmenschen einander ähnlich sind, man sich mit seinem Nachbarn identifizieren kann." - Muss ich mich der Realität immer wieder stellen? Oder soll ich es machen wie manche FreundInnen � "Die Pressestunde seh ich nie, das halt ich nicht aus �" (Und hierbei sind Bartenstein, Strache, Gehrer, Khol oder er, der Herr "Landeshauptmann" Waltraud Klasnic austauschbar, hier hat jedEr für sich sein/ihr eigenes Grauen).
Neben den innenpolitischen Unannehmlichkeiten und den weltpolitischen Katastrophen gibt es auch die ganz alltäglichen, die ganz allgemeinmenschlichen Aufreger. Sie lesen etwa einen Bericht über Vögel: Die tun dieses und jenes und dann "suchen sie sich ein Weibchen." Oder einen Bericht über Bratislava: Es sei eine Reise wert, es sei eine schöne Stadt, eine junge Stadt und es gäbe dort "viele hübsche Frauen". � Wie bitte? Erstens steigt die Wut, denn was soll das? Zweitens steigt die Wut, denn schreibt Mann nur für Mann? Sie blättern etwa ein buntes Heftchen (Glamour) durch und entdecken in der Rubrik "Schlau in 60 Sekunden" die Antwort auf die Frage "Warum reden Frauen eigentlich mehr als Männer?" � "Die Ursache für das verbale Ungleichgewicht liegt in der Steinzeit. Da mussten die Männer jagen und dabei schweigen (um die Mammuts nicht zu verscheuchen). Frauen hingegen tauschten am Lagerfeuer Tipps über Geburten und Kindererziehung aus." Und sei es Heft oder Heftchen, angebliches Qualitätsprodukt oder Trash, kein Nachmittag in der Hängematte bleibt von Ungeheuerlichkeiten (meist "von Wissenschaftern herausgefunden") verschont.
Was sind das nicht eigentlich für Verdrängungsleistungen, die wir vollbringen, um leben zu können mit Hirnforschung und Alltagsrassismus. Vergessen, Auslassen, Nicht-Wahrnehmen ist (nach Frigga Haug) eine nötige Konstruktionsleistung unser aller, um nicht nicht krank und verrückt zu werden an diesen Verhältnissen. Nicht mehr krank und verrückt zu werden, als es ohnehin viele, alle sind. "Wenn jemand tatsächlich glaubt, unter diesen oder jenen Bedingungen in der bürgerlichen Gesellschaft zurechtkommen und leben zu können, dann ist es ja in Ordnung. Aber wir (die kritischen PsychologInnen, Anm.) glauben, dass dieses Zurückstecken und Sicheinrichten für die meisten Betroffenen selbst widersprüchlich und auf Dauer auch unerträglich ist. Im Grunde merken die Menschen, dass dies 'nicht alles gewesen sein kann'. Dieses erfahrene Ungenügen muss zur Artikulation gebracht werden." setzt Klaus Holzkamp nach.
Hin und wieder, auch in der Hängematte, meldet sich das "Leiden an der Gesellschaft" ganz spürbar. Und weil der Mensch ein Mensch ist, reagiert er und sie (auch) mit sehr verschiedenen, vielgestaltigen Widerstandsstrategien. Manchmal kommt mir vor, wir könnten gar nicht soviel essen, wie wir kotzen müssten.