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2005-04-13
Ein autobiographisches Werk des langjährigen Vorsitzenden des Verbands der Kärntner Partisanen und Partisaninnen.
Titel der slowenischen Originalausgabe: "Mali ljudje na veliki poti. Spomini na predvojni, vojni in povojni čas na Koroškem". Klagenfurt/Celovec 1997.
Lipej Kolenik, geboren 1925 in St. Margarethen bei Bleiburg/Šmarjeta pri Pliberku, schreibt unprätentiös und präzis über sein Leben und seine Wahrnehmungen: seine Kindheit auf einem Bauernhof, die Armut am Land, die sozialen und politischen Wirren der Zwischenkriegszeit, die Machtübernahme der Nationalsozialisten, seine Desertion aus der Wehrmacht zu den Partisanen. Schwer verletzt, von Versteck zu Versteck gebracht, überlebt er die letzten Kriegsmonate.
LESEPROBE:
Mein Bruder Franc schließt sich auch den Partisanen an
Es war Anfang 1945, als der Winter am ärgsten war. Der Schnee lag hüfthoch, und die Temperatur 20 Grad unter Null, als ich die Nachricht zu den Partisanen bekam, daß mein Bruder Franc aus Rußland auf Heimurlaub komme. Ich freute mich wahnsinnig, daß wir uns nach langer Zeit wieder sehen und umarmen würden. Damals bewegten wir Gruppe von Mineuren uns im Umland von St. Margarethen, Jamnica, Strojna und Tolsti vrh. Ich bat den Kommandeur, den Zugführer Cvetko, zwischendurch einen Tag nach Hause gehen zu können, um meinen Bruder zu treffen. Er verweigerte es mir nicht, er gebot mir nur, achtzugeben und mich nach ein paar Tagen wieder in der Einheit zu melden. Ich juchzte vor Freude beim Gedanken an das liebe, teure Haus und an meinen Bruder Franc. Eine nicht geringe Sorge aber beschlich mich bei dem Gedanken, wie ich allein so viel Schnee, eine solche Entfernung durchstapfen sollte, und wie mein Bruder und ich uns ansehen würden - ich als Partisan, und er als deutscher Soldat. Der Schnee, der hoch lag wie schon Jahre nicht, machte mir am Anfang nicht viel zu schaffen. Ich wühlte mich hinein wie ein Maulwurf und wühlte mich buchstäblich darin fort. Ich hinterließ aber eine tiefe, verräterische Spur, in welcher mir der Gegner viel leichter nachgehen und mich bis daheim verfolgen konnte. (...) Wenn sie meine Spur aufnahmen, würden sie mich lebend einfangen wie einen Hasen. Das Gewehr hielt ich immer bereit, und wenn es nötig wäre, würde ich mich bis aufs letzte wehren. Wie weit aber das Gewehr bereit war, seine Aufgabe zu erfüllen, war eine andere Frage. Es war ganz verschneit und auch das Rohr war voller Schnee. Nach langem Waten wühlte ich mich endlich ganz zerschlagen bis zur Dietmar-Höhe. Ich atmete auf, doch trotz allen guten Willens und Eifers ging ich in diesem großen Schnee vom Dietmar zum Kolenik dreieinhalb Stunden, obwohl man diesen Weg in der schneefreien Zeit in einer halben Stunde schafft. Je näher ich unserem Haus kam, umso ungeduldiger war ich, und ich verausgabte für die letzten paar Dutzend Meter die letzten Kräfte.
Ich klopfte an die Tür - das Haus war ganz finster in der Nacht, da kein Licht nach außen dringen durfte - und die Mama schob den Riegel der großen Haustür zurück. Ich trat ein, und nach langer Zeit waren wir wieder glücklich beieinander. Ich ging in die Küche. Ich blieb in der Tür stehen - der Partisan mit dem Gewehr in der Hand - mein Bruder Franc aber saß mit den Brüdern Lojze und Pepe am Tisch. Ich sah, daß er erschrocken war. Er war schon seit dem Frühjahr 42 zwangsweise in der deutschen Armee, an der Front in Rußland. Man merkte ihm an, daß er bereits etwas von der deutschen Propaganda und von der eingeimpften Angst oder vom Haß gegen die »Partisanenbanditen« infiziert war. Auf den ersten Blick freute ihn das Zusammentreffen nicht. (...) Die Mama, die immer mit großer Liebe für uns sorgte, wenn wir heimkamen, tischte Schwarzbrot auf. Beim Essen und beim guten Most wurden wir erst, was wir waren - Brüder und ihre Söhne - bevor uns der faschistische Stiefel entzweit und auseinandergetreten hatte. Wir hatten uns viel zu erzählen, sodaß die Nacht fast zu kurz war. Mein Bruder Franc erzählte viel über das große Rußland, über furchtbare Schlachten im Kaukasus, auf der Krim, im Donbass und noch anderswo. Das alles war für uns damals etwas Neues, und besonders, weil er auch erzählte, wie in letzter Zeit die Russen den Okkupator an allen Ecken und Enden vertrieben. Mir wurde kalt, als er sagte, wieviele Menschen, besonders Russen, gefallen und umgebracht waren und daß auch mein Bruder zu jenen gehörte, die die Russen und andere Völker umbrachten und versklavten, welche nur ihr Land und ihre Souveränität und Freiheit bewahren wollten. Auch ich erzählte, wie es uns erging, daß wir immer mehr Anhänger und solche hatten, die bereit waren, zu den Partisanen zu gehen. Ich erklärte ihm, was die Osvobodilna fronta und was ihre Ziele waren, daß wir uns vor allem für die Vertreibung des Okkupanten schlugen und daß wir das neue slowenische Heer waren, die Partisanen, die über den Okkupanten siegen, und dann nicht mehr die Sklaven anderer, sondern die Herren ihres eigenen Schicksals und ihrer Erde sein würden. Ich sagte ihm, daß in den Reihen der Partisanen zum Großteil einheimische Burschen waren und erklärte ihm, daß unser Kampf nicht leicht, daß der Winter streng, daß wir heute hier, morgen dort waren und daß unser Kampf auch viele Todesopfer forderte. Schon viele Partisanen waren gefallen, zum Großteil nach einem Verrat wie beim Rakitnik, beim Sabodin und beim Apovnik im Oktober 1944. Mein Bruder hörte mit Eifer zu und befreite sich sichtlich von der anfänglichen Angst. Und als ich ihn meinen großen Wunsch wissen ließ, daß auch er sich dem Partisanenheer anschließen solle, war er mit meinem Wunsch offensichtlich bereits versöhnt. Ich überzeugte ihn, daß es keinen Sinn hatte, zurück ins ferne Rußland zu gehen, wenn die Hitlerdiktatur sowieso bald hin sei, hier aber wäre er bei der Kapitulation nicht weit von daheim, anstatt als deutscher Soldat in Gefangenschaft, und wir - die slowenischen Partisanen - würden in unsere Dörfer und Städte als Sieger marschieren, wofür es bisher in unserer Geschichte noch kein Beispiel gegeben habe.
Ich war überglücklich, als mir mein Bruder versprach, nicht mehr in die deutsche Armee zurückzukehren und sich der Befreiungsbewegung anzuschließen, sowie sein Urlaub vorbei sei. Noch lange, nachdem wir uns schlafen gelegt hatten, wiederkäuten und tauschten wir unsere Erlebnisse und versuchten sie zu verstehen. Am nächsten Tag ging ich in meine Einheit zurück, mein Bruder Franc aber schloß sich nach vierzehntägigem Urlaub dem Partisanenheer an und wurde Mitglied der militärischen Kurier-Einheit, die die Aufgabe hatte, die Verbindung über die Drau zwischen dem Ostkärntner Verband und den Kämpfern auf der Saualpe aufrechtzuerhalten. Befehligt wurde sie von Kommandeur Jurij Bojanović. (...)
Beziehbar direkt über den
Verlag Drava
oder über die Slowenische Sektion der KPÖ Klagenfurt/Celovec.