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Didi Zach

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2005-12-04

Stalin, Trotzki und die Komintern

Im Juni 1943 wurde die Kommunistische Internationale (Komintern, KI) durch das Präsidium des Exekutivkomitees (EKKI) aufgelöst. Wir wollen dies an dieser Stelle auch zu einem Thema nicht gerade des Schüsselschen Gedankenjahres, wohl aber des Gedenkjahres 2005 machen. Warum, geht aus dem folgendem Text von Didi Zach selbst hervor.

Die Einschätzungen, warum und mit welchem Zweck die Selbstauflösung der KI durchgeführt wurde, differenzieren (1). Ein sehr gewichtiger Faktor war sicherlich, dass Stalin der Meinung war, dass auf Grund dieses Zeichens die Alliierten eher und schneller bereit wären, die sogenannte zweite militärische Front gegen Nazi-Deutschland zu eröffnen. Die These, dass Churchill und Roosevelt explizit die Auflösung der KI verlangt haben, konnte bis jetzt nicht dokumentarisch belegt werden (2). Wie auch immer - festgestellt werden kann Folgendes: Die offizielle Erklärung des EKKI strotzt vor Ungereimtheiten, die Tatsache, dass Stalin spätestens seit Beginn der 30er Jahre - mehr oder weniger allein - auch die Linie der KI diktierte, kann wohl schwer widerlegt werden (3).

Hoffnung und Enttäuschung

Ausgehend von der Kapitulation fast aller sozialdemokratischer Parteien anlässlich des 1. Weltkrieges, trotz wiederholter gegenteiliger Beteuerungen und der Tatsache, dass die "Vaterlandsverteidigung" von den sozialdemokratischen Parteien der II. Internationale quasi zur Pflicht erhoben wurde, agierten Lenin und die Bolschewiki vehement für die Gründung einer straffen und handlungsfähigen neuen Internationale. Da die russische Revolution als Impulsgeber für die westeuropäischen Länder gesehen wurde, in welcher aufgrund der russischen Erfahrungen der Partei eine große Rolle zugeschrieben wurde, drängte Lenin auf die Gründung der KI, einer einheitlichen Kommunistischen Weltpartei.

Die berühmten "21 Bedingungen" des II. KI-Kongresses sollten Unschlüssige fernhalten, um die KI nicht zu einem losen Verband - welcher sehr weit auseinandergehende Auffassungen ermöglicht - von Parteien werden zu lassen (4). Die Instruktionen des Exekutivkomitees (EKKI) waren "bindende Richtlinien" für die nationalen Sektionen (5). Doch die Hoffnung, die im Oktober 1918 - also vor der Gründung der KI - noch herrschte, erfüllten sich nicht (6). Der Stellenwert der russischen Partei innerhalb der KI wurde im Laufe der Jahre immer größer. Die Räterepubliken in Bayern und Ungarn wurden zerschlagen.

Ein Exkurs

Festgehalten werden muß an dieser Stelle noch Folgendes: Die Zielsetzung(en) des Westens blieb(en) im wesentlichen durch die Jahrzehnte die gleiche(n): Liquidierung des "Gegensystems", des real existierenden Sozialismus. Die Gründe waren politischer ("es darf keine Alternative zum westlichen System geben, das Privateigentum an Produktionsmitteln fixiert und garantiert", Stabilisierung der innenpolitischen Situation unter dem Motto "Die Russen kommen") und ökonomischer Natur (Besitz von Produktionsstätten und Rohstoffvorkommen in Russland, später der weitgehende Ausfall der real-sozialistischen Länder als Absatz- und Produktionsmarkt), aber auch individuelle und kollektive psychologische Elemente als Produkt einer historischen Entwicklung, Unwissenheit über die tatsächliche Situation und unbewußte wie auch bewußt eingesetzte Desinformationspolitik spielten eine Rolle. Die konkreten Methoden haben sich durch die Jahrzehnte sehr wohl verändert, nicht zuletzt beeinflußt durch und von politischen und ökonomischen Rahmenbedingungen und Erfordernissen (7).

Der Versuch einer Neuorientierung

Die KI, und vor allem die deutsche Partei, geriet zunehmend in Isolierung - die verfehlte "März-Aktion" von 1921, ein Aufstandsversuch, kostete der KPD die Hälfte ihrer Mitglieder. Die Diskussion der Bolschewiki um die Rolle der Gewerkschaften, die mit großer Leidenschaft geführt wurde, und der Aufstand der Kronstädter, die 1917 zur Avantgarde der Bolschewiki zählten, führten zur Hinwendung auf die Neue Ökonomische Politik (Marktelemente in der Wirtschaft wurden erlaubt); gleichzeitig kam es zum Verbot der Fraktionsbildung durch den X. Parteitag (8).

Auch der III. KI-Kongress (1921) beschloß eine teilweise Neuorientierung. Die sogenannte "Offensivtheorie", die besagte, dass die Revolution "angespornt" werden könne, wurde verworfen. Die Einheitsfrontpolitik sollte dem Druck von Reaktion und Faschismus, der drohenden Kriegsgefahr entgegengesetzt werden. Gleichzeitig versuchte die KI erneut, in Deutschland in die Offensive zu gelangen. Doch der Versuch eines bewaffneten Aufstandes im Oktober 1923 führte nur zu einer weiteren verheerenden Niederlage. Bei der scheinbaren Analyse der Ursachen kamen Sinowjew und Stalin, die selbst maßgeblich Anteil an der Misere hatten, zum Ergebnis, dass die Sozialdemokratie und die Opportunisten in der Führung der KPD für die Niederlage verantwortlich seien - das erste Mal war vom "Sozialfaschismus" die Rede (9). Parallel zu diesen Entwicklungen versuchte die Sowjetmacht, aus der internationalen Isolierung auszubrechen. 1921 wurde ein britisch-russischer Handelsvertrag unterzeichnet, ein deutsch-russischen Vertrag in Rapallo folgte. Durch einen Geheimvertrag abgesichert produzierten deutsche Firmen in Russland Kanonen, Granaten und Flugzeuge - beliefert wurden Reichswehr und die Rote Armee (10).

Die Sozialfaschismustheorie

Der innerparteiliche Machtkampf in der KPdSU, der schon vor Lenins Tod 1924 einsetzte, bliebt nicht ohne Auswirkungen. Sinowjew, Vorsitzender der KI, kämpfte gemeinsam mit Kamenew und Stalin für eine Isolierung Trotzkis. Die Sozialfaschismustheorie wurde en vogue. Stalin schrieb 1924: "Die Sozialdemokratie ist objektiv der gemässigte Flügel des Faschismus. (...) Diese Organisationen schließen einander nicht aus, sondern ergänzen einander. Das sind keine Antipoden, sondern Zwillingsbrüder."

Gleichzeitig wurde sich Stalin offenbar bewußt, welche Bedeutung die Theorie, dass der vollständige Aufbau des Sozialismus in einem Lande möglich sei, im innerparteilichen Machtkampf, der noch nicht entschieden war, haben könnte. Während (vor allem) in Deutschland und Frankreich die Angriffe auf die Sozialdemokratie anhielten, wurde der Versuch unternommen, einen britisch-russischen Gewerkschaftsrat einzurichten, wurden die chinesischen KommunistInnen angewiesen, sich dem "Block der vier Klassen" anzuschließen, die Kuomintang wurde als assoziiertes Mitglied in die KI aufgenommen. Erst nachdem die klassenübergreifende nationale Befreiungspolitik in China gescheitert war, die SU auch international zunehmend wieder in Isolierung geriet und überall die Gefahr eines bevorstehenden Krieges gegen die SU beschworen wurde, kam es zu einer "Neubestimmmung" der Realität - ein neuerlicher revolutionärer Aufschwung wurde prognostiziert (12).

Hier wird ein weiterer typischer Wesenszug der KI-Geschichte bzw. des Politikverständnisses - der teilweise nicht nur in der SU tradiert wurde - sichtbar. Rein pragmatisch-orientierte Überlegungen wurden nachträglich theoretisch legimitiert. Wenn auch nicht bestritten werden kann, dass handfeste Tatsachen dafür sprachen, dass die sektiererische Linie der Sozialfaschismustheorie von vielen Mitgliedern als adäquate Erfassung der Realität betrachtet werden konnte (13), so darf doch nicht übersehen werden, dass die KI und vor allem die KPD damit einen nicht gering anzuschlagenden Anteil daran hatten, dass die Nazis in Deutschland letztendlich an die Macht gelangen konnten.

Stalin, der selbst maßgeblich den Kurs bestimmt hatte, forderte also einen radikalen Linksschwenk, "Klasse gegen Klasse" lautete die Taktik. Nun, Ende 1927, konnte Stalin sich eine weitere "Radikalisierung", nicht zuletzt aufgrund der politischen Situation innerhalb der KPdSU, erlauben. Außerdem dürfte ihm diese "Korrektur" in der sich abzeichnenden Auseinandersetzung gegen die sogenannten "Rechtsabweichler" (Bucharin, Rykow, Tomski) in den Fragen Kollektivierung und Industrialisierung als hilfreich erschienen sein. Die Vereinigte Linke Opposition, bestehend aus Trotzki (den Lenin in seinem "Brief an den Parteitag" als "fähigsten Mann im gegenwärtigen Zentralkomitee" bezeichnet hatte, auch wenn er Trotzki vorwarf, nicht Bolschewist zu sein, wofür dieser jedoch keine persönliche Schuld habe) und seinen früheren Gegnern Sinowjew und Kamenew, war endgültig zerschlagen (14).

Gekürzte und überarbeitete Fassung eines in UNITAT, Nr. 4/1993, publizierten Textes. Fortsetzung morgen

Belletristische Literatur zum Thema:

Ostrowski, Nikolai: "Wie der Stahl gehärtet wurde", Reclam-Verlag – ein Klassiker, der Generationen von KommunistInnen beeindruckte.

Rybakow, Anatolij: "Die Kinder von Arbat", dtv-Verlag

Bek, Alexander: "Die Erinnerung"

Anmerkungen

(1) Claudin, Fernando: "Die Krise der Kommunistischen Bewegung", Bd. 1, 19 ff. Claudin, ehemals Mitglied des ZK der spanischen KP, 1965 aus der Partei ausgeschlossen, meint: "Die Konsultierung der Sektionen war nur ein schlichter Kunstgriff, um das wirkliche Vorgehen zu bemänteln". Faktum ist, dass nur 28 Sektionen der Auflösung zustimmten, während 48 Sektionen ihre Ansicht nicht äussern konnten.

(2) Claudin, 29 f.

(3) Interessant ist auch, dass in der Parteigeschichte der KPÖ (Hg.) "Die KPÖ - Beiträge zu ihrer Geschichte und Politik", Wien 1987, die Auflösung der KI mit keinem Wort erwähnt wird.

(4) Carr, Eduard Hallett: "Die Russische Revolution. Lenin und Stalin 1917-1929", Stuttgart 1980, 21ff.

(5) Claudin, 122 ff. Der V. KI-Kongress (1924) präzisierte bzw. verschärfte den Zentralismus. Nun wurde festgelegt, dass Beschlüsse "für alle Sektionen bindend (sind) und von ihnen unverzüglich durchgeführt werden (müssen)". Dem EKKI wurde das Recht eingeräumt, Parteitagsbeschlüsse der Sektionen aufzuheben.

(6) So forderte Lenin: "Im Frühjahr müssen wir eine 3 Millionenarmee haben zur Unterstützung der internationalen Arbeiterrevolution", zitiert nach Claudin, Lenin, "Brief an Swerdlow vom 1. Oktober 1918", LW, Bd. 35, 340/41.

(7) Als Beispiel seien genannt: Die bewaffnete Intervention von 14 kapitalistischen Staaten in Russland , die Unterstützung der "Weißen" im Bürgerkrieg, der Kalte Krieg, vgl. dazu Kade, Gerhard: "Die Bedrohungslüge. Zur Legende der �Gefahr aus dem Osten�", Köln 1982 - Dritte Auflage; Horn, R./Schäfer P.: "Geschichte der USA. 1914-1945", Berlin, (DDR), 1986; Matthias, L. L.: "Die Kehrseite der US", Hamburg 1964 - Zweite Auflage.

(8) vgl. Boffa, G./Martinet, G.: "Marxistische Stalinismuskritik"; Hamburg 1978 sowie Deutscher, Isaac:"Stalin“; Stuttgart 1962; Deutscher meint, dass Lenin nur einen halbherzigen Versuch unternahm, das Verbot der Oppositionsgruppen zu mildern. Eine andere Sichtweise findet sich bei Plimak, Jewgeni: "Anatomie der Willkür"; Berlin 1990, 112 ff. Plimak meint, dass Lenin das Fraktionsverbot nur als begrenzte, zeitweilige Massnahme verstanden habe. Ähnlich Carr (73), der erklärt: "Lenin (konnte sich) nie mit dem Gedanken an eine zentrale Parteiorganisation anfreunden, die unfehlbare Gebote verkündet (...)".

(9) Claudin, 138ff, sowie Institut für Geschichte der Arbeiterbewegung (Hg.): "Die Komintern und Stalin"; Berlin 1990.

(10) Carr, 48 ff.

(11) zitiert nach Claudin, 172; vgl. "Die Komintern und Stalin" 65 f.

(12) vgl. Claudin, Carr, Deutscher.

(13) vgl. Claudin, 178 f. Im Mai 1929 waren der sozialdemokratische Innenminister Severing und der sozialdemokratische Polizeipräsident von Berlin, Zörgiebel, die politischen Verantwortlichen für die Erschießung von 30 ArbeiterInnen. Vergessen war auch noch nicht, dass die Ermordung von R. Luxemburg und K. Liebknecht auf das Konto des Sozialdemokraten Noske ging. Erwähnt sei hier auch, dass 1927 im Roten Wien beim sogenannten Justizpalastbrand über 80 ArbeiterInnen erschossen wurden, während sich die sozialdemokratische Parteiführung verleugnen liess. Die Interpretation des EKKI, dass die Ereignisse des 15. Juli 1927 der Versuch eines Aufstandes waren, fussten auch auf falschen Informationen und Einschätzungen durch Mitglieder der KPÖ, vgl. KPÖ-Parteigeschichte 112 f. Die (nunmehr fast belanglose) Frage ist jedoch zu stellen, ob das ZK der KPÖ die EKKI-Interpretation verweigern hätte können und was die Folgen gewesen wären (s. FN 5)

(14) Lenin, Ausgewählte Werke; Bd. 6, 641.