2005-09-14
Gedenkjahr in Vietnam
2005 ist in Vietnam ein Jahr der historischen Gedenktage. Am 30. April wurde der 30. Jahrestag des Sieges im "amerikanischen Krieg" gefeiert und am 2. September jährte sich die Ausrufung der unabhängigen Demokratischen Republik Vietnam durch Ho Tschi Minh zum sechszigsten Mal. Es bedurfte allerdings noch der Siege über die französischen und US-amerikanischen Kolonial- und Besatzungstruppen bis zur vollständigen Befreiung des Landes.
Ho Tschi Minh wurde im August des Jahres 1942 von Grenzsoldaten der Kuomintang festgenommen, als er die vietnamesisch-chinesische Grenze überschritt. Unter unmenschlichen Umständen von Gefängnis zu Gefängnis transportiert, verbrachte er ein volles Jahr in Haft. Sein "Gefängnistagebuch" enthält die Gedichte, die er in diesem Jahr in Gefangenschaft schrieb. Ho erlebte die vollständige Befreiung seines Landes nicht mehr. Er starb am 3. September 1969 in Hanoi.
Aus Ho tschi Minhs Gedichtband:
BESCHWERLICHER LEBENSWEG
Nach schroffen Gebirgen und hohen Gipfeln �
wie sollte ich in den Ebenen
mit größeren Gefahren rechnen?
Im Gebirge stieß ich auf den Tiger
und kam unverletzt davon:
In den Ebenen traf ich die Menschen
und wurde ins Gefängnis geworfen.
Ich war als Gesandter Vietnams
auf dem Weg nach China,
um einen wichtigen Mann zu treffen.
Auf stiller Straße
brach plötzlich ein Sturm los,
und ich wurde ins Gefängnis geworfen
als Ehrengast.
DIE WASSERRATION
Jeder von uns erhält eine halbe Schüssel Wasser,
um sich zu waschen oder Tee zu kochen:
Man kann wählen:
Wenn man sein Gesicht waschen will,
gibt es keinen Tee;
will man Tee trinken,
bleibt das Gesicht ungewaschen.
MONDLICHT
Für Gefangene gibt es weder Alkohol noch Blumen,
aber die Nacht ist so lieblich, wie können wir sie feiern?
Ich gehe zum Luftschacht und staune den Mond an,
und durch den Schacht lächelt der Mond dem Poeten zu.
ETWAS ZUM LÄCHELN
Der Staat ernährt mich mit Reis:
Ich bewohne seine Paläste;
seine Wachen lösen sich ab,
mir zu dienen als Geleit.
Auf seine Berge und Flüsse sehe ich
wie ich will.
Mit solchen Privilegien überhäuft
ist man wirklich ein Mensch!
WÄCHTER, DIE SCHWEINE TRAGEN
Wir gehen den Weg entlang,
die Wachen tragen Schweine.
Schweine reisen auf Schultern,
während man Menschen weiterschleppt �
in Eisen geschmiedet.
Einmal gezwungen,
seine natürliche menschliche Freiheit aufzugeben,
ist man weniger wert als ein Schwein.
Die Nöte des Menschen sind ohne Zahl.
Und doch kann ihm nichts Schlimmeres zustoßen
als der Verlust der Freiheit.
Er verliert dann das Recht auf ein einfaches Wort, eine Geste,
und muß sich wie ein Pferd treiben lassen, wie Vieh.
BEIM LESEN DER �ANTHOLOGIE DER 1000 DICHTER�
Die Alten pflegten
die Schönheit der Natur zu besingen:
Schnee und Blumen, Mond und Wind,
Nebel, Berge und Flüsse.
Heute sollten wir Gedichte schreiben,
die Eisen und Stahl einschließen,
und der Dichter sollte wissen,
wie man einen Angriff führt.
Zitiert aus: Ho Tschi Minh: Gefängnistagebuch, 102 Gedichte. dtv, München 1970.