Logo HEUTE

HEUTE
HINTERGRUND
ANGEBOTE
TERMINE
KONTAKT

Bärbel Mende Danneberg

Druckversion

2005-05-17

Babyboom und Altenschwemme

Spare an der Not, dann hast du in der Bilanz ...

Die Statistik jubelt, denn das hat es seit 1941 nicht mehr gegeben: dass mehr geboren als gestorben wird. In Wien wurde die Todesrate im Vorjahr von rund 800 Geburten überrundet, und das ist wahrlich ein Grund zur Freude. Schließlich ist das Leben freundlicher als der Tod. Über die Gründe dieser Entwicklung kann allerhand gemutmaßt werden. Geburtenanreiz Kindergeld? Hoffnungslosigkeit am weiblichen Arbeitsmarkt? Fest steht, dass Frauen sich immer häufiger zur späten Mutterschaft entschließen, um die Berufsschäfchen einigermaßen ins Trockene zu bringen. Und fest steht, dass die Alten immer älter werden. Die Sterberate ist 2004 in Wien um 5,5 Prozent gegenüber dem Jahr davor gesunken.

Eigentlich müssten den statistischen Freudenbotschaften politische Konsequenzen folgen. Doch weit gefehlt. Fangen wir bei den Kleinen an: Bundesweit fehlen 47.000 Kinderbetreuungsplätze und 43.000 der vorhandenen lassen sich hinsichtlich der Öffnungszeiten nicht oder schlecht mit einer Erwerbsarbeit vereinbaren. Auch das Kindergeld entpuppt sich als Bumerang: 75 Prozent der von der Arbeiterkammer befragten Karenzierten wollen nach der Kinderpause sofort wieder berufstätig sein, nur 44 Prozent finden aber tatsächlich rasch eine Erwerbsarbeit, die ein Einkommen über der Geringfügigkeitsgrenze sichert. Ebenso wies die AK auf gravierende Mängel bei der Zuverdienstgrenze hin.

Bei den Alten schaut die gesellschaftliche Hilfestellung nicht viel besser aus. Rund 80 Prozent der Pflegebedürftigen werden hierzulande zu Hause betreut, meist von weiblichen Angehörigen. Doch die steigende Lebenserwartung schwingt wie ein Damoklesschwert über uns allen - wer wird künftig Betreuungsarbeit leisten? Die banal-patriarchale Idee eines verpflichtenden Sozialdienstes stand ja mit Blick auf die Frauen schon öfter zur Diskussion, sozusagen im Tausch zu nicht geleistetem Wehrdienst. Der Gedankenmotor ist ein angeblich "weiblicher Pflegetrieb", mit welchem der Arbeitsmarkt entlastet und das soziale Versorgungsloch gestopft werden soll.

Einen beträchtlichen Teil dieser gesellschaftlich notwendigen Arbeit deckt der Zivildienst ab. Jährlich werden 6.700 Arbeitsplätze im Sozialbereich von Zivildienern besetzt. Nun könnte die Reform des Zivildienstes drastische Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt haben, weil sich hier ein Schlupfloch für Billigarbeitsplätze auftut. Denn erstmals soll die Möglichkeit geschaffen werden, dass nicht nur Österreicher Zivildienst leisten können, sondern auch Bürger der benachbarten neuen EU-Länder. Immerhin liegt das Lohnniveau in der Slowakei bei einem Siebentel im Vergleich zu Österreich.

Schon jetzt wird ein beträchtlicher Teil der Alten- und Krankenbetreuung von Pflegerinnen aus den benachbarten neuen EU-Staaten zu Dumpinglöhnen in ungeschützten Arbeitsverhältnissen erbracht. Das liegt auch im Wesen neoliberalen Wirtschaftsverständnisses: spare an der Not, dann hast du in der Bilanz ...