2005-03-26
Wie das offizielle Österreich Wertschätzung verteilt
Wen schätzt die 2. Republik mehr? Einen verurteilten Ariseur oder eine Widerstandskämpferin, deren Fachwissen unbestritten war?
In Wien kann man sich derzeit im Kunsthaus auf dem Karlsplatz eine interessante Ausstellung ansehen: "ALTWIEN � die Stadt, die niemals war". Es soll darin der Mythos des Biedermeier-Wien kritisch beleuchtet werden.
Unter vielen anderen Ansichten Wiens werden auch Drucke von Luigi Kasimir (1881�1962) gezeigt. Diese Drucke werden von WIEN PRODUCTS ( einer Dachmarke Wiener UnternehmerInnen, gegründet von der Wirtschaftskammer Wien) unter Anderem dazu verwendet, den "besonderen Charme Wiens in ihren Produkten lebendig werden zu lassen". Außerdem "treten die Grafiken Luigi Kasimirs neben den Wiener Sängerknaben (....) als Botschafter der Kulturstadt Wiens an." Grafiken von Luigi Kasimir werden beispielsweise als Geschenke bei Staatsbesuchen überreicht und zieren zahlreiche öffentliche Gebäude. (Es handelt sich im übrigen um sehr bekannte Genrebilder aus Wien.)
Luigi Kasimir hat sich zwischen 1938 und 1945 an der Arisierung jüdischen Eigentums beteiligt und wurde deshalb zu einer mehrjährigen Zuchthausstrafe verurteilt.
Margarethe Schütte-Lihotzky (1897�2000) schloss ihr Architekturstudium 1919 mit dem "Lobmayr -Preis" ab, arbeitete mit Alfred Loos zusammen und entwickelte die "Frankfurter Küche". Schütte war seit 1939 Mitglied der KPÖ und wurde 1940 wegen ihrer Widerstandstätigkeit in Österreich verhaftet. Sie überlebte die Nazi-Haft, wurde vom offiziellen Österreich aber ignoriert und erhielt in Österreich keine öffentlichen Aufträge. Erst im hohen Alter wurden ihr einige offizielle Ehrungen zuteil.
Diese beiden Beispiele illustrieren einerseits die Haltung der 2. Republik zu WiderstandskämpferInnen und andererseits den Umgang mit der Entnazifizierung. Der Widerstand hat in Österreich keinen Mythos gezeugt wie in anderen Staaten, und "KZler" galt in den Nachkriegsjahren bald wieder als Schimpfwort. Während ausgewiesene KriegsverbrecherInnen und verurteilte AriseurInnen bald wieder von offizieller Seite gedeckt, ja hofiert wurden, versagte man vielen WiderstandskämpferInnen nicht nur die entsprechende Würdigung , sondern wurde ihnen wie im Falle Schüttes auch die wirtschaftliche Grundlage in Österreich entzogen.
Das Jahr 2005 soll zum Gedenken anregen. Dazu gehört aber auch, dass der antifaschistische Widerstand endlich jenen Stellenwert in der öffentlichen Meinung erhält, der ihm schon längst zugestanden wäre, und der ihm vor allem deswegen nicht zuteil wurde, weil er zu einem überwiegenden Teil von KommunistInnen geleistet wurde.