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Dagmar Schulz

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2005-07-09

Familiengeheimnisse II

Für meine Diplomarbeit in Geschichte recherchierte ich die Geschichte eines Mietshauses in der noblen Wiener Josefstadt (8. Bezirk). Dieses ehrwürdige Haus wurde im Jahr 1912 erbaut. 14 großbürgerliche Wohnungen mit 78 bis 105 qm Wohnfläche, eine Substandard-HausbesorgerInnenwohnung und 3 Geschäfte boten den BesitzerInnen ansehnliche Mieteinkünfte. Das Friedenszinsgesetz, das die Mieten drückte, wurde mit bis in die Neunzigerjahre verlangten, hohen Ablösen umgangen.

Eine 94-jährige Frau erzählte mir, dass sie mit ihrem Mann 1938 in ihre Wohnung gezogen sei - übrigens durch Vermittlung eines gewissen Dr. Dittrich, einem später verurteilten NS-Verbrecher, nachdem die VormieterInnen freiwillig in die USA emigriert seien.

Da erwachte mein Misstrauen und ich begann, in verschiedenen Archiven nach diesen Personen zu suchen.

Sämtliche Wiener Adressen können in "Lehmanns Wohnungsanzeiger", der - solange dies nicht durch den Datenschutz verboten wurde - jährlich in zwei Bänden erschien, nachgelesen werden. Ein Band ordnet den Namen die Adressen zu, der zweite Band gibt nach Adressen geordnet die jeweils dort gemeldeten MieterInnen bzw. HausbesitzerInnen an.

Im DÖW fand ich den Band von 1938, im Landesarchiv den Band von 1941. 1938 sind auf Tür 2 eine Baltinester Johanna, Prof., auf Tür 10 eine Klappholz Josefine, Private, auf Tür 11 ein Mag. Lichtenstein, auf Tür 12 ein Dr. Löwensohn und auf Tür 15 eine J. Reisinger, Private, gemeldet, die allesamt im Band von 1941 fehlen.

Keine der fünf Personen scheint in der Opferdatei des Widerstandsarchivs auf, die Archivarin meinte allerdings, dass es ungewöhnlich war, JüdInnen aus einer vergleichsweise feinen Gegend wie dem 8. Bezirk direkt zu deportieren, normalerweise seien sie zunächst in die Leopoldstadt umgesiedelt worden. Auch eine Emigration sei auf Grund des frühen Zeitpunkts der Delogierung nicht auszuschließen.

Dr. Stephen Feinstein vom Center for Holocaust and Genocide Studies in Minneapolis/USA, mit dem ich per email Kontakt aufnahm, empfahl mir, meine Recherche auf das Yad VaShem in Jerusalem auszudehnen. Diese Organisation verfügt über ein großes Archiv, in dem 900.000 Opfer und Überlebende der Shoah registriert sind.

Während die Nachforschung im Fall von Johanna Baltinester (keine Eintragung), Mag. Lichtenstein und Dr. Löwensohn (zu viele Eintragungen, zudem sind die Vornamen nicht bekannt) ergebnislos verliefen, entdeckte ich zu meinem Entsetzen eine Klappholz, Josefine, geb. 1891 aus Wien in der Liste der Überlebenden von Theresienstadt (Pinkas HaNitzolim-Register of Jewish Survivors).

Tatsächlich war eine größere Anzahl von JüdInnen aus Wien nach Theresienstadt deportiert worden. Ob es sich wirklich um die Mieterin aus dem Haus handelt, kann nicht mit letzter Sicherheit behauptet werden, Name, Alter und Herkunftsort stimmen allerdings überein.

Endgültige Klarheit über das Schicksal der aus ihren Wohnungen Vertriebenen wird sich wohl kaum mehr finden � die Tatsache, dass sie ihre Wohnungen in der Florianigasse aufgeben mussten, konnte zweifelsfrei nachgewiesen werden.

Ich glaube nicht, dass es sich bei dem besagten Haus um einen Sonderfall handelt. Vielleicht bestand eine besondere Perfidie des NS- Regimes darin, neben den ausgewiesenen TäterInnen eine ungleich größere Zahl von kleinen miesen NutznießerInnen fremden Leids hervor zu bringen, welche bis heute unbehelligt das damals ungerechtfertigt Erhaltene besitzen. In den Nachkriegsjahren wurden zudem ziemlich sorglos "Persilscheine" verteilt - und so verfügt auch die oben erwähnte Wohnungseignerin über eine Bestätigung der Bezirksvorstehung Josefstadt vom 10. 12. 1945, "dass nichts Nachteiliges gegen sie vorliege".

Vielleicht ist es gerade jene Mischung aus Obrigkeitshörigkeit, Besitzgier, kollektivem schlechtem Gewissen, gespielter oder echter Unwissenheit und Lüge, die das Klima in diesem Land bis heute vergiftet?

P.S. Besagte 94-jährige Frau ist meine Großmutter.