2005-07-30
Natur pur?
Natur pur gibt�s nur im Urwald, auf den Bergeshöhen oder in den Tiefen des Meeres. Die meisten von uns, die ihre Ferien naturnahe verbringen wollen, vergnügen sich in mehr oder weniger naturgestalteten Parkanlagen. Schweift mein Blick wohlgefällig über die vielfarbige Waldviertler Landschaft, über Lein-, Mohn-, Rapsfelder und die übrigen Anbauflächen mit Sonnenblumen, Klee und Getreidesorten, nehme ich bunte Teppiche als etwas Naturschönes wahr, obwohl es sich eher um Landart handelt. Alles, was ich sehe, auch beim Waldspaziergang, ist gestaltete Natur, fast jeder Baum im heutigen Wald ist gezielt gesetzt. Für die Fiktion Naturgenuss reicht allerdings der Landschaftspark.
Schon meine Mutter hat mir erklärt, vor allem mit dem Blick auf den Vater, der ein kleiner Nazi war und aus dem Krieg gebrochen heimkam: Du wirst es nicht glauben, die Natur hat uns wieder aufgerichtet. Diese Art von Mystifizierung der Natur als Jungbrunnen und Zivilisationswundenheilerin ist nicht alt. Bis zur Romantik mied der Normalmensch die Natur wegen ihrer Gefahren, Naturgewalten, wilder Tiere und Räuber. Die heutige Naturfreak-, Reise- und Risikospaßgesellschaft ist ein neues Phänomen. Zwar reichen die Wurzeln in die Romantik zurück, wo die Natur als Gegengewicht zum Industrialisierungs- und Zivilisationsprozess gefeiert wurde. Allerdings dauerte es bis ins letzte Jahrhundert, dass Bergsteigen, Schifahren, Wandern und Tauchen zu "Volksbetätigungen" wurden. Der Wandervogel propagierte um die Zeit des ersten Weltkrieges und danach die blaue Blume der Romantik - und eben das unbeschwerte Wandern in der Natur - gegen den Mief und die Dekadenz der Großstadt. Klares Wasser wurde dem Alkohol vorgezogen. Die Freikörperkultur wurde als Rückkehr zur Natur gefeiert und der Mensch als edles Tier propagiert.
Was Wunder, dass sich die Nazis die Naturbewegung einverleibten bzw. aus ihr entstanden. Neues Leben nannten sich die volkstreuen Vereine und Buchhandlungen, die auch für gesunde Ernährung warben. Theosophen, Anthroposophen, Wandervögel, VegetarierInnen - alle leisteten teils unbewusst die Vorarbeit für das Prinzip der Zuchtwahl als völkisches Gestaltungsprinzip, das der Natur abgeguckt war. Wie heute die Landschaft wurde damals der deutsche Volkskörper zum Designobjekt der Rassenmacher, bis hin zu den Zuchtanstalten der Lebensbornbewegung.
Man sieht, in Berufung auf die Heilkraft der Natur geht alles. Den wenigsten heutigen Naturaposteln und -Innen ist bewusst, in welcher Tradition sie sich bewegen. Auch bei den Grünen gibt es einen stramm rechten Flügel. Die Freikörperkultur war eine Domäne der Sozialdemokraten, und der Wunsch nach dem gesunden Körper mit entsprechenden Rassemerkmalen wurde auch in der Arbeiterbewegung kultiviert. Es scheint, dass Naturmystizismus und Naturmanipulation bis zur Gentechnologie eng beieinander wohnen. Begriffe wie Heimat und die Verwurzelung im Heimatboden werden heute selbstverständlich wieder verwendet, sehr stark in der Multikulti- und Ethnobewegung, die ihren häufigsten Ausdruck in der Ethnomusik findet.
Wir sollten uns dreinfinden, dass das menschliche Leben sehr stark ein gekünsteltes ist. Kultur bewusst zu gestalten heißt Aneignung der Natur mit dem Ziel der physischen und psychischen Bereicherung des Menschenlebens - und dies ist auch eine politische Aufgabe, die auch ein Rechts und Links kennt. Es ist schon gescheit, ungesunde Nahrung zu vermeiden, aber von den Primaten kann man da nichts mehr lernen. Die Biowelle ist das künstlichste Werk der Naturverherrlichung - stets mit einem Bein, nicht mit der "Wurzel", im Alltagsfaschismus.