2005-09-03
Hüte dich vor der Idylle
...denn sie ist ein Teufelsspiel...
Duftig steigt der Morgennebel von den dampfenden Wiesen auf. Das zarte Grün der Weiden, das dunklere der Wälder wird von ein paar hingetupften Farbklecksen unterbrochen. Schmucke Einfamilienhäuser (deren Bezahlung und Erhaltung viele Familien in den Ruin treibt und die Macht der Raiffeisenkasse stärkt) tragen Kaskaden von Blumen vor sich her. Ein paar Kühe käuen bimmelnd wieder, eine kleine dreifärbige Katze hat sich in der Sonne zusammengerollt.
Was für eine Idylle! - denkt frau, atmet die würzige Bergluft tief ein, und lehnt sich zufrieden zurück.
Doch leider dringen Gesprächsfetzen von SpaziergängerInnen herüber: Leise, aber gemein wird die Xenophobie kultiviert. Nur zahlende Gäste sind willkommen.
Na, das war doch wohl eine Einzelmeinung! - denkt frau und begibt sich ins Schwimmbad, das sich gepflegt und sauber an den Fuß eines Berges schmiegt. Herrlich klares Wasser und genug Platz - ein großartiges Panorama gibts gratis dazu.
Nebenan tobt die Erregung über Frauen, die sich nicht so verhalten, wie es von ihnen erwartet wird und über Söhne, die den Zivildienst anstelle des Präsenzdienstes wählen, wo doch das Vaterland und die Kirche die höchsten Werte seien. Auch der daran Schuldige ist bereits gefunden: ein pazifistischer Professor am Gymnasium sowie die höhere Bildung im Allgemeinen. Auch das Lesen von Büchern wird pauschal als eines der Grundübel einer verrottenden Gesellschaft diagnostiziert.
Schon leicht genervt flieht frau in einen Gastgarten und bestellt sich ein kühles Bier. Unter dem Schatten einer Kastanie lässt sich das Treiben auf dem Marktplatz des verschlafenen Städtchens gut beobachten.
Die überwiegend männlichen Gäste an den Nachbartischen diskutieren politische Themen: Vom "Wasserkopf Wien" ist da die Rede, dem die Steuern der hier Anwesenden angeblich die öffentlichen Verkehrsmittel finanzieren - während ein beinahe gänzlich leerer Postautobus um die Ecke biegt. Die dumpfe Ablehnung des "roten" Wien ist ein Erbe des Austrofaschismus.
Auch von Lohndumping ist die Rede - und schon wieder jener xenophobe Unterton! Dazu kommt noch Chauvinismus gepaart mit einem Schuss Blut-und-Boden-Mystik, mit fortschreitendem Alkoholkonsum vermehrt auch braune Rülpser ... (Nicht umsonst gehörte das Gebiet zu einer der Hochburgen der NSDAP, in einem nahegelegenen Markt ist Hermann Göring noch immer Ehrenbürger.)
Auch das ungeliebte Kleinformat wird zitiert - die sogenannten Lokalseiten der Bundesländerausgabe überbieten die Wien-Ausgabe noch deutlich an Provinzialismus und versteckter Perfidie.
Eine heiße Welle von Mitgefühl für alle jene, die hier leben und sich dennoch nicht dem Mainstream anschließen, steigt spontan in mir hoch - und der Wunsch, Gleichgesinnte zu treffen. Frau fühlt sich fremd - viel fremder als auf vielen Reisen im "Ausland". Es wird Zeit, die Idylle zu verlassen.
Wie schön, dass heute und morgen wieder das Voksstimmefest auf der Wiener Jesuitenwiese stattfindet! Dort kann man/frau FreundInnen treffen, ernsthaft und weniger ernsthaft diskutieren, Musik und Lesungen anhören, streiten, feiern, trinken und essen und eine kleine Ahnung davon spüren, wie eine ANDERE WELT ansatzweise aussehen könnte ...
Ich würde mich sehr freuen,auf dem Fest mit LeserInnen dieser Seite zu diskutieren.