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Erwin Riess

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2005-11-11

Herr Groll auf Reisen: Verschollen.

An einem strahlenden Februartag unternahm Groll mit seinem Wagen eine Spritztour in die Wachau. Er erfreute sich an den glitzernden Schneewächten neben der Schnellstraße, und er sah mit Befriedigung, dass im Kremser Hafen vier Motorgüterschiffe am Kai lagen. Die kahlen Weiden und Pappeln der Hundsheimer Insel wirkten wie Zahnstocher, die in eine Schicht Mozzarella gerammt waren. Über die Ruine Dürnstein zogen dünne Schönwetterwolken. In Weissenkirchen überfiel Groll schneidender Hunger. Zehn Minuten und fünf geschlossene Wirtshäuser und Restaurants später, musste Groll einsehen, dass die Proviantfrage nicht im Vorbeirollen zu erledigen sein würde. Kurz entschlossen nahm Groll die alte Straße durch den Simbachgraben nach Weinzierl am Walde. Er hoffte, ein Dorfgasthaus vorzufinden. In den schattigen Passagen lag Schnee auf der Fahrbahn, Groll fuhr langsam und vorsichtig. Einen roten Golf ließ er bereitwillig passieren, musste aber nach wenigen Kurven eine Vollbremsung einleiten, weil der Golf mit offener Tür auf der Fahrbahn stand. Ein mannsdicker Baum war über die Fahrbahn gestürzt. Der Fahrer des Golf, ein kräftiger Bursche, hatte das Hindernis bald weggeräumt. Der Mann opfert sich für die Allgemeinheit. Da darf ich ihm nicht böse sein, dass er um ein Haar einen Unfall heraufbeschwor, sagte sich Groll, und der Hunger ließ für einen Moment nach. Aus richtigen Motiven das Falsche zu tun, war eine Schwäche, die Groll nicht unbekannt war. Er passierte Stixendorf, Weinzierl, Maigen und Lobendorf. Nirgendwo ein offenes Gasthaus, ein geöffnetes Lebensmittelgeschäft, nicht einmal eine Tankstelle mit angeschlossenem Imbissstand. Nach der Passage von Els, Gillaus und Albrechtsberg setzte starker Schneefall ein. Groll verzagte mehr und mehr und nach Brauhaus, Scheutz und Lichtenau musste er sich eingestehen, dass er verloren war. Bei einem Bauernhof um Eier und Brot anzuklopfen, fühlte er sich schon zu schwach. Er hätte zwar eine billige Uhr, einen verbeulten Hut, einen Trainingsanzug und ein altes Fernglas für Lebensmittel eintauschen können, aber wahrscheinlich würde man ihn als Wirtschaftsasylanten vom Hof jagen wie einen räudigen Hund. In wenigen Minuten würde er vor Hunger ohnmächtig werden und in der eisklaren Nacht erfrieren. Da er niemand von seiner Spritztour informiert hatte, würde es Wochen dauern, bis man Nachforschungen anstellte. Aber bis dahin hätten Füchse und Krähen ihr Werk vollendet, und eines Tages im Frühling würde ein Förster ein Autowrack aus einer Schneewächte apern sehen. Nähertretend würde er ein Skelett hinter dem Lenkrad erkennen. Erst die Flusskarten und eine Liste von Donauschiffen, die Groll im Handschuhfach mitführte, würden die Ermittler auf seine Spur führen. Groll dachte darüber nach, ob ihm zumindest ein Marterl als unbekannter Reisender zuteil werden würde. Er schätzte die Chancen aber gering ein. Düstere Gedanken dieser Art beschäftigten Groll, als er die Serpentinen des Kleinen Semmering in Angriff nahm. Ein Traktor kam entgegen; der Traktorist, dessen rotes Gesicht der Kälte trotzte, grüßte mit einer Handbewegung. Der Mann kommt sicher vom Mittagessen, dachte Groll. Oder er fährt zur Jause. Groll erwiderte den Gruß nicht.

Erstveröffentlichung im "Cafe KPÖ" (Linz)