2005-08-19
Köln ist Rom
Dieser Tage in Trier: Tausende Jugendliche aller Haar- und Hautfarben posieren vor der Porta Nigra für ein eindrucksvolles Erinnerungsfoto. Ihr Erkennungszeichen ist der hellblaue Rucksack und der Aufkleber mit dem schwungvollen Kreuz, dem Symbol für den katholischen Weltjugendtag. Das gleiche in Koblenz, in Bonn und natürlich in Köln, dem Hauptveranstaltungsort, an welchem sich bis zu eine Million (Berufs-)Jugendliche versammeln für den Empfang von Papst Benedikt XVI.
Ungläubig im wahrsten Sinn des Wortes schaue ich mir die jugendlichen und auch älteren Gesichter an, die dieser Tage das Bild entlang von Rhein und Mosel prägen: Was bewegt die Leute zu dieser gläubigen Massenpilgerei? Das gleiche hatten wir doch auch kürzlich in Rom, als der vorletzte Papst verblichen ist und das neue deutsche Kirchenoberhaupt angelobt wurde - auch da betende Menschenmassen. Was bringt die Jugendlichen dazu, alte, verzopfte Männer, die sich in reich verzierte Frauengewänder hüllen, anzuhimmeln? �Wir sind Papst� titelte die Bild-Zeitung damals in Rom. Heute wohl müsste sie schlagzeilen: �Köln ist Rom�.
Ich behaupte einmal, dass die jugendlichen Massenströme nichts oder nur wenig mit dem katholischen Zeremonienmeister und seiner Weltsicht zu tun haben. Er ist allenfalls Zugpferd und Anlass. Die Jugend würde ebenso zu einem Fußballstadion pilgern, zu einem Popkonzert oder einer anderen Massenveranstaltung, auf welcher die Möglichkeit besteht, ein �Wir�-Gefühl zu entwickeln und Begegnung zu leben. Da meinte eine Betreuerin in Köln, dass die Schlafsäle der Turnhalle gemischtgeschlechtlich belegt sind, sie aber keine Kondome verteilen würden, denn die Jugendlichen würden sich schon selbst zu helfen wissen bei dieser Art Begegnung. Eine Gratwanderung also zwischen dogmatischer Kirchenlehre, wie sie von Benedikt XVI. vertreten wird (Verbot von Kondomen), und jugendlichem Begehren.
Laut Umfrage des deutschen Meinungsforschungsinstituts TNS Infratest glauben zwar zwei Drittel der Befragten an ein höheres Wesen, doch viele denken an einen Gott, der mit dem Christentum nichts mehr zu tun hat. Das Christentum ist nur mehr der kulturelle Hintergrund, auf dem sich viele ihren Patchwork-Glauben zurechtbasteln. Sich auf das christliche Abendland zu beziehen bedeutet nur noch �Abgrenzung zum Islam�, sagt der Werteforscher Gensicke (�Spiegel�/33/05). �Dabei berufen sich die Deutschen auf etwas, das sie nicht kennen und dessen Verbindlichkeiten sie nicht gutheißen würden.�
Und so verwunderte es mich nicht wirklich, als in Trier, der Geburtsstadt von Karl Marx, auf einer Bühne zum Weltjugendtag Texte von Karl Marx rezitiert wurden, die bestechend scharf zur heutigen ökonomischen Situation des globalisierten kapitalistischen Wahnsinns passten: In einem Zwiegespräch mit dem Theologen Nell-Breuning, der 1890 ebenfalls in Trier geboren ist und maßgeblich an der Entwicklung der Katholischen Soziallehre beteiligt war, setzte sich Marx kritisch mit der idealistischen Kirchensicht zur Weltveränderung auseinander. Leider war die Zuhörermenge verschwindend klein. Die meisten Jugendlichen saßen eisschleckend und Adressen austauschend vor dem Wahrzeichen Triers, der Porta Nigra, oder lagen schlafend auf ihren Isomatten, um fit für die Nacht zu sein. Trotz der leeren Bänke machte diese Vorführung deutlich, dass es zwischen Marxismus und Christentum gemeinsame Anliegen gibt: Die Welt gerechter und sozialer zu gestalten.