2005-04-15
Braunes Gold
Alles drängt
Wer kennt ihn nicht? Den Drang, der einen unerwartet überfällt, dem alternativlos nachzugeben ist und dessen Nichtbefriedigung Schweißperlen auf die Stirn treibt. Dieses Drängen signalisiert uns, dass der Stoffwechsel abgeschlossen und eine Entleerung notwendig ist. Als Teil der Natur brauchen wir Energie, die wir uns, wenn es geht regelmäßig, durch Essen und Trinken zuführen. Die zweite Seite unserer Medaille, das Abführen der nicht verwertbaren Stoffe, stand bisher weniger im Blickfeld öffentlichen Interesses, galt es doch als anrüchig.
Dank des kapitalistischen Drangs, alles Menschliche und Stoffliche auf seine profitable Verwertbarkeit hin zu untersuchen, ist die Zeit der stiefmütterlichen Behandlung dieses menschlichen Bedürfnisses jetzt vorbei. Den Schleier von diesem letzten Tabu-Thema menschlicher Reproduktion riss das Wiener Kontrollamt.
Das Private Öffentliche privatisieren?
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Das Kontrollamt ist das beste, was einer neoliberalen, absoluten Wiener SP-Stadt-Herrschaft passieren kann. Die Kontrollbeamten machten sich auf die Suche nach betriebswirtschaftlichem Brachland und erschnüffelten, gleich einem Trüffelschwein, 327 noch nicht verkommerzialisierte Ecken der Stadt, die vorerst noch "öffentliche Bedürfnisanstalten" genannt werden.
Das muss sich ändern, meinen die Kontrollore und empfehlen, "längerfristige Überlegungen hinsichtlich einer Ausgliederung des Betriebs der öffentlichen Bedürfnisanstalten anzustellen." Die (weisungsgebundene) MA 48 (Magistratsabteilung für Abfallwirtschaft, Straßenreinigung und Fuhrpark) hat zugesagt, derartige Überlegungen anzustellen.
Damit die "Mistkübler" nicht das neoliberale Rad neu erfinden müssen, gibt ihnen das Kontrollamt eine Strategie mit auf den Weg, die in anderen Teilen der Zwangswirtschaft schon erfolgreich umgesetzt wird, so z. B. die Senkung der Betriebskosten durch die Schließung wenig frequentierter Anlagen. Grundlage der Privatisierung ist das Wiener WC-Konzept, das öffentliche Toiletteanlagen in ein genaues Verhältnis zur Einwohnerzahl setzt.
Dieses Verhältnis beträgt übrigens im Arbeiterbezirk Rudolfsheim Fünfhaus ebenso wie in der gutbürgerlichen Josefstadt 1:11.000.
Die Zukunft ist sch�ön
Es braucht wenig Phantasie, um die nächsten Entwicklungen vorauszusehen.
Da im Kapitalismus für den Bedarf produziert wird und der nur an einem zahlungsfähigen Bedürfnis besteht, wird das Wiener WC-Konzept von der Bedürfnisplanung zur Bedarfsplanung übergehen. In der Innenstadt ist das schon verwirklicht, ist die Not hier doch kaufkräftig und touristisch. Den Außenbezirken reicht eigentlich der Hinweis auf einen großzügigen Wald- und Wiesengürtel. Probleme wird es nur in den Bezirken dazwischen geben. Hier wird die Bedürfnissbefriedigung entlang des immer tiefer werdenden sozialen Grabens organisiert werden. Um die Kaufkraft der betuchteren Mittelschicht abschöpfen zu können, wird man den Weg der Erlebnistoiletten gehen.
Die Musik-Entspannungs-Relax-Erlebnistempel als Servicestationen in der dynamischen Urbanität für den mobilen Yuppie. Power-shit-stations � piss for fun. Die Befreiung von der staatlichen Fürsorge für die anderen mit dem ermunternden Appell zur Eigenvorsorge.
WAS TUN, außer ...?
dem normalen linken Reflex nachzugeben, auf diese beschissene Häuslpolitik zu schimpfen und damit den 1257ten Beweis für die Vertrotteltheit kapitalistischer Profitlogik gefunden zu haben.
Es scheint mir die Empfehlung der Kontrolleure und die Tatsache, dass Bürgermeister Häupl die MA 48 schon nachdenken lässt, wie das braune Gold zu heben ist, eine Reihe von kreativen, volksverbundenen Überlegungen wert. Mit "Besetzt" alleine wird�s nicht gehen, da das ein im Rahmen der erleichternden Tätigkeit notwendiges Wegweisezeichen ist.
In einer Millionenmetropole sollte es aber den noch genügend vorhandenen lustvollen Kampfgeist drängen, ob nüchtern analysierend oder "fett wie ein Häusltschick", dem Wiener WC-Konzept, wenn schon nicht die Stirn, so doch den Arsch zu bieten.