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Wolf Jurjans

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2005-07-22

Der Blick in die Zukunft macht frei

"Mein Blick geht in die Zukunft", spricht der neue Bundesratspräsident Mitterer und blickt zurück. Der erste Blick fällt auf die NS-Vergangenheit. Über die Bewertung des faschistischen Terrorregimes gibt es zwar einen allgemein gültigen Konsens, dem führende Repräsentanten des Staats verpflichtet sind. Pflicht und Neigung widersprechen sich in dieser Frage in Österreich aber all zu oft.

So auch in diesem Fall. Herr Mitterer will das NS-Regime nicht be- und verurteilen. 60 Jahre sind wohl eine für Urteilsbildung zu kurze Zeit. In der Schule hat er nach eigenen Angaben nichts darüber gehört und dann hat er schon in die Zukunft geblickt. Er will wertfrei auf die NS-Vergangenheit schauen.

Derart der Bewertung entzogen, wird der Blick wieder frei, um sich seiner Gesinnungstreue zuzuneigen. Auf dieser Grundlage ist ein Urteil nicht notwendig, da genügt es eine Meinung zu haben. "Ich habe meine klare Meinung dazu. Ich möchte aber nicht werten und nicht nach hinten schauen." Mit klarer, wertloser Meinung blickt er also wieder nach vorn.

Sein Blick bleibt an Spezi Kampl hängen. Das ist einer jener "sehr, sehr ehrenwerten Persönlichkeiten, die auf dem Boden der Demokratie und Verfassung stehen" und mitunter eine "nicht ganz einfache persönliche Lebensgeschichte" zu tragen hätten, wie Haider meint. Die nicht ganz einfache Lebensgeschichte des Herrn Kampl führte sogar zur Schaffung eines eigenen Gesetzes, der "Lex Kampl", das seine Ernennung zum Bundesratspräsidenten verhinderte.

Der Blick, der da hängen bleibt, ist aber kein wertfreier, sondern ein ehrfurchtsvoller. Meinung und Wertung decken sich diesmal ... "Einen Bundesrat möchte ich besonders begrüßen und das voller Ehrfurcht: Es ist Sigi Kampl, der zeigt, welche Größe er hat, dass er heute hier ist. Er ist jener Bundesrat, der eigentlich heute statt mir hier stehen sollte."

Dieses Loblied auf den Kameraden lässt uns erkennen, was sich Mitterer unter "demütiger, von großem Verantwortungsbewusstsein getragener Amtsführung" vorstellt. Demütig wird er die Lücke schließen, die Kampl hinterlassen hat. Der Rückzug vom Rückzug Kampls, der die "Lex Kampl" erst erforderlich machte, geht also durch den Kampl-Klon Mitterer in die dritte Runde. Und was jetzt?