2005-04-01
BSA
Schon in meiner VSM-Zeit in den Sechzigerjahren kursierte der sarkastische Spruch vom BSA als "Bund Sozialistischer Antisemiten". Das erschütternde Buch von Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz liefert die wissenschaftliche Analyse wie es zu dieser Charakterisierung kommen konnte.
Der BSA hat bewußt und schamlos Nazis aller Schattierungen und Belastungsgrade in seine Reihen aufgenommen, weißgewaschen und protegiert. Unmittelbarer Grund für diese "Integration" von Ehemaligen war der Umstand, dass die Hauptkonkurrenten von SPÖ und BSA, "ÖVP und CV ... über eine beinahe intakte Elitenrekrutierung verfügten" (S. 3O6), während der gravierende Mangel der Sozialdemokratie an Fach- und Führungskräften "sich hauptsächlich mit der Vertreibung und Ermordung der sozialdemokratisch-jüdischen Intelligenz in der NS-Zeit erklären läßt" (ebd.).
Die SP-Spitze mit Schärf/Helmer/Waldbrunner hatte auch kein Interesse daran, ihre jüdischen EmigrantInnen zurückzuholen. Sich scharf gegen links abgrenzend driftete man politisch zunehmend nach rechts, ermöglichte dem "nationalen Lager" mit dem "Verband der Unabhängigen" ( VdU) eine vierte Partei (S. 56), ja finanzierte dem "VdU 1949 den Wahlkampf in Oberösterreich" (S. 59).
Von da her war es nur "logisch", die Ehemaligen zu umwerben - eine opportunistische Politik, die von den Schwarzen mindestens mit dergleichen Intensität betrieben wurde.
Die Fischzüge des BSA in braunen Gewässern zeitigten geradezu groteske Resultate. So behauptete der Salzburger BSA-Vertreter Hirt allen Ernstes, dass es "zwischen Sozialismus und Nationalsozialismus nur wenige, wenn auch schwerwiegende Differenzen" gebe (S. 74).
Sieht man/frau sich die Gestalten im einzelnen an, die der BSA bzw. die SPÖ für sich gewann, kommt einem schlicht das Kotzen: Etwa das vormalige SA- und SS- Mitglied Johann Biringer, der der Chef der Bundespolizeidirektion Salzburg werden sollte (S. 109 ff.) oder das NSDAP- und SS-Mitglied bzw. Kriminalangestellter der Gestapo-Leitstelle Innsbruck Ferdinand Oberfeldner, der 23 Jahre das Amt des Vize-Bürgermeisters in Innsbruck ausübte (S. 151 ff.).
Zu den schlimmsten Auswüchsen zählt die "Förderung ehemaliger NS-Juristen durch den BSA" (S. 167ff.), wobei Justizminister Christian Broda eine besonders unrühmliche Rolle (S. 196 ff.) spielte und einen "Schlußstrich" unter die Vergangenheit forderte ...
Das Buch von Wolfgang Neugebauer und Peter Schwarz kommt im "Gedenkjahr 2005" eine wichtige Funktion zu: die offizielle Mythenbildung zu konterkarieren und aufzuzeigen, wie die Aufarbeitung der Vergangenheit nach 1945 realiter eingesargt und stattdessen quer durch alle Lager um die Braunen gebuhlt wurde.
Mit "Der Wille zum aufrechten Gang" hat die heutige BSA-Führung einen ersten Schritt getan. Von der ÖVP gibt es nichts diesbezüglich. Nicht nur, daß das Dollfuß-Bild weiter den ÖVP-Parlamentsklub "ziert". Als vor kurzem bekannt wurde, daß der frühere ÖVP-Landeshauptmann Eduard Wallnöfer ebenfalls NS-Mitglied war (profil Nr. 8 und 9 / 2005), interpretierte dies der jetzige Tiroler Landeshauptmann Herwig van Staa schlicht als eine gegen ihn gerichtete "Kampagne" ...
Wolfgang Neugebauer/Peter Schwarz: Der Wille zum aufrechten Gang. Offenlegung der Rolle des BSA bei der gesellschaftlichen Reintegration ehemaliger Nationalsozialisten. Herausgegeben vom Bund sozialdemokratischer AkademikerInnen, Intellektueller und KünstlerInnen (BSA ). Czernin Verlag, Wien. 2005. 335 S.