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2005-11-28

East goes West meets East

Bo�o Repe, Historiker aus Ljubljana, referierte auf der 1. interregionalen Konferenz in Klagenfurt (19./20. November) im Panel "Erinnerungskultur in der Region". Wir bringen einen kurzen Auszug, in dem die Verstärkung der revisionistischen Tendenzen in Europa durch die Tendenzen zur Umschreibung der Geschichte in den ex-sozialistischen neuen EU-Mitgliedsstaaten angesprochen wird ("Neue globale und europäische Umstände und die damit verbundenen Versuche einer Umdeutung der Geschichte sowie historischer Symbole"):

"Die grausamen menschlichen Schicksale, die sich [während des Zweiten Weltkriegs und danach] abgespielt haben, sind auf individueller Ebene tragisch, ohne Rücksicht darauf, wer sie zu verantworten hat. Während des Zweiten Weltkriegs gab es millionenfaches Leid und Unrecht. Ist es jedoch zulässig � und das scheint mir 60 Jahre nach Kriegsende das wesentliche überlegenswerte Element zu sein �, die Reihenfolge der Ereignisse außer Acht zu lassen, Ursachen mit Folgen zu verwechseln, das einzelne menschliche Schicksal vom historischen Kontext zu lösen und es isoliert in den Vordergrund zu stellen? Soll aufgrund veränderter Umstände und neuer Bündniskonstellationen das historische Geschehen aus der Erinnerung gelöscht oder relativiert werden? Hat, weil die Kriegs- und politischen Ziele der antifaschistischen Koalition idealisiert und nur teilweise erreicht wurden, z. B. der antifaschistische Widerstand keinen Sinn gehabt? Oder kann das alles gar (in slowenischen, aber auch in vielen anderen Verhältnissen) auf eine Art interne Abrechnung 'unter Bedingungen der Okkupation' reduziert werden [ = eine These der slowenischen revisionistischen Geschichtsbetrachtung, die Partisanenkampf und Kollaboration auf dieselbe Stufe gestellt haben will � Anm. der Redaktion], wobei die Okkupation so oder so vorüber gegangen wäre, mit Widerstand oder ohne? Die Antwort auf diese Fragestelllungen müsste auf elementarster Ebene auch nach 60 Jahren leicht fallen. Wie sähe die Welt heute aus, wenn sich die antifaschistische Koalition, deren Bestandteil auch wir Slowenen waren, nicht erfolgreich gegen Hitler, Mussolini, Hirohito und ihre Verbündeten zur Wehr gesetzt hätte? Und wenn sie 1945 nicht auch gesiegt hätte ... Erst von diesem Punkt an sei jedem das Recht auf seine speziellen Zweifel zugestanden.

Die Erweiterung der EU hat nicht nur ausgesprochen positive Prozesse in diese hineingetragen, sondern über die neuen Mitgliedsstaaten auch viele Traumata; diese neuen Staaten tendieren dazu, ihre internen Probleme der Vergangenheitsbewertung auf die gesamte EU auszudehnen und auf diese Weise ihre Sichtweise innerhalb des eigenen Herrschaftsbereiches zu legitimieren. Dafür gibt es Motive und Ursachen. Litauen z. B. war vor und nach dem Zweiten Weltkrieg Teil der Sowjetunion; während des Krieges kämpften seine SS-Einheiten gemeinsam mit den Deutschen an der russischen Front. Im Inland wurden währenddessen über 100.000 Juden in den Tod geschickt. Ungarn war bis 1944 ein faschistischer Staat; auch dieser überließ die Mehrheit der Juden (auch jene aus dem Übermurgebiet) dem Tod in deutschen Konzentrationslagern; danach wurde Ungarn von sowjetischen Truppen befreit oder � je nach Interpretation � besetzt. Diese Sicht der Dinge knüpft gut an der Situation einiger anderer EU-Mitgliedsstaaten an, z. B. Österreichs und Italiens. Die italienische Geschichtsinterpretation beginnt � nun auch bereits auf europäischer Ebene � mit der Erzählung vom 'ungerechten' Pariser Friedensvertrag [durch den ein Teil des adriatischen Küstengebiets Jugoslawien bzw. Slowenien zugesprochen wurde, Anm. der Redaktion], mit den Karsthöhlen, mit dem italienischen Exodus aus Istrien und Dalmatien. In dieser Interpretation gibt es keinen Platz für den Umgang der Faschisten mit der slowenischen Bevölkerung im Küstenland, keinen Platz für die zweiundeinhalb Jahre andauernde grausame Okkupationsherrschaft in der sogenannten 'Provinzia di Lubiana', die sich ab 1942 weder in den Zielen noch in den Methoden von der deutschen Okkupation unterschied, und keinen Platz für die Bombardierung und Vergasung äthiopischer Bevölkerungen im Abessinienkrieg. Österreich wiederum hat sein Verhältnis zum eigenen Nazismus nie restlos geklärt � was an diese Stelle ja nicht besonders belegt werden muss."

(Ausführlichere Dokumentation der Referate in Kürze auf der Website unter EL-Konferenz - Klagenfurt - Nachlese)