2005-12-17
Weihnachtsfresswelle
Es gibt Linke, die stellen ihre Urlaubsreisen nach Gourmetführern zusammen, kochen die dekadentesten Rezepte nach und haben mehr Fressbücher als Klassenkampflektüre. Sie schwören auf eine Ausdifferenzierung der Genüsse als Errungenschaft der Zivilisation, belächeln den Asketismus der Arbeiterbewegung und geißeln den Widerspruch bei den Alt-68ern zwischen propagiertem Lustprinzip und der penetranten Konsumkritik. "Erst kommt das Fressen, dann die Moral", soll Brecht einmal geschrieben haben, bezog dies aber sicher auf die Hungerleider.
Trotzdem, jede Fress- und Konsumwelle hat auch eine moralische Seite. Für die Christen und Christinnen ist das einfach, die haben ihre Fastenzeiten und kasteien sich im reuigen Gedenken an den Hunger in der 3. Welt. Die Linken wissen, dass durch die Vermeidung internationaler Köstlichkeiten und die Ächtung der Trüffel nicht mehr Essen in die Mägen der Armen kommt. Trotzdem spielt sich doch im Kopf eines heiklen Kommunisten etwas ab, wenn er nur die Spargelspitzen abbeißt und den Rest wegwirft. Was denken sich Eltern, deren Kinder so heikel sind, dass sie von den begehrten Hühnerbeinen nur das zarteste Muskerl schlürfen und den Rest weglegen? Die Kinder finden ja die ungeheure Menge an Konsumgütern vor und orientieren sich am Beispiel der Erwachsenen. Gibt es so etwas wie eine linke Moral, was das Fressen und Saufen betrifft?
Wenn Linke zu viel Geld haben, könnten sie ja was spenden für ein Sozialprojekt und sich beim Konsum an einem mittleren Einkommen orientieren. Unsere Alten hatten zwar etwas Knauseriges, aus der Kriegszeit vermutlich, aber auch eine Vorstellung von Anstand, dass etwa ein Abendessen in einem Gasthaus pro Person nicht mehr als 100 oder 150 Schilling kosten sollte, während manche für einen kurzen Fressgenuss das hinblättern, was andere im Monat verdienen. Solch eine Orientierung gilt natürlich auch für Wohnluxus und Urlaubsgestaltung.
Sicher ist es so, dass die so genannte Ausdifferenzierung der Alltagskultur sich auch aufs Bewusstsein schlägt und die Maßstäbe verzerrt, die zur Wahrnehmung der Sorgen der "Normalverbraucher" gehören. Die in Italien gegründete Slowfood-Bewegung im Gegenzug zur Fastfood-Strömung verstand sich ursprünglich nicht als Küche der Reichen, sondern eher als cuchina povera, als Armenküche, die aber die lokalen, einfachen und gesunden Esstraditionen gegenüber der internationalen Küche forciert. Da können eben auch Trüffel auf den Tisch kommen.
Inzwischen gibt es eine eigen Hochschule für einfache, gute Küche unter Benutzung der lokalen Nahrungsangebote. Begonnen hatte dieses Engagement eher von Links im Bündnis mit Biobauern und als Gegenkonzept zur Entfremdung vom einfachen Essen. Das zeigt, dass eine kritische Konsumkultur nicht asketisch und lustfeindlich sein muss. Vielmehr vermute ich hinter der gerade auch vor Weihnachten in Prominententratschsendungen vermittelten Luxusfresskultur eine versteckte Leibfeindlichkeit. Nicht zufällig setzen die feinen Leute auch die Normen für den gestylten Körper und bilden differenzierteste Geschmäcker und die dazugehörigen Essstörungen aus.
Mahlzeit also, selber kochen und genießen, aber mit Kopf, Herz und Hand, wie das der berühmte Schweizer Pädagoge Pestalozzi als Erziehungsideal formulierte.