2005-05-03
Null Bock auf geilen Geiz
Das Kürzel Ich-AG könnte bald zum Unwort werden.
Verräterische Sprache: War Geiz noch in grauer Vorzeit unumstritten ein Unwort, so wandelte es sich im Laufe der Globalisierungsattacken zum hippen Codewort für Schnäppchen. Vor allem in Verbindung mit dem Adjektiv "geil". Geil ist der neueste Hit, geil ist etwas Schönes, zum Beispiel ein nach der neuesten Mode gekleidetes Mädchen, auch Geiz ist geil. Alles zielt auf den Unterbauch. Ein geiler Bock, obwohl sprachlich so eng beisammen, ist aber nach wie vor verpönt.
Im Laufe der Globalisierungsangriffe auf die Geldbörsel der sog. einfachen Leute und der Mittelschicht wurde Sprache einem allmählichen Wandel unterzogen. Über die Sprachsteuerung der Wirtschaftseliten haben Attac-nahe Autoren ein Buch herausgegeben mit dem Untertitel "Wie neoliberale Eliten Politik und Öffentlichkeit beeinflussen".*) Wer begreift eigentlich im internationalen Wortmatsch der Konzerne noch die Zusammenhänge von Handel und Wandel? Wer durchschaut im Neusprech, dass hochdotierte PR-Agenturen den verschärften ökonomischen Konflikt und die aufklaffende Schere zwischen Arm und Reich durch den sprachlichen Weichspülgang jagen, um eine "passive Akzeptanz der Beherrschten" zu erreichen?
Die "umfassende Entpolitisierung" durch Sprache wird in elitären Denkfabriken produziert. So avanciert "Sozialstaat" zum Unwort, "Gerechtigkeit" ist altmodisch, aber "Geiz ist geil". Schon die Wortwahl "Entsorgungspark" für eigentlich hochgiftige Strahlenabfälle hatte das Ziel, unbequemes, widerspenstiges Denken an den Rand zu drängen, "kritische Positionen auszuschließen und die öffentliche Debatte zu dominieren", indem sie effektiv mit sanften Vokabeln auf breiter Ebene Desinformation organisieren, schreibt der "Freitag" in einer Rezension des Buches.
In dieser Sprachverdrehung ist es zum Beispiel möglich, dass Herr Hartz, nach dem ja die skandalöse Kürzung des Arbeitslosengeldes in Deutschland � Hartz IV � benannt wurde, bei einem Arbeitsgipfel von der Chance der Arbeitslosen sprach, den arbeitsmarktpolitischen Engpass kreativ zu nützen und ganz neue Ein-Mann- oder Ein-Frau-Betriebe zu gründen. Es gäbe ja so viele Marktnischen, die innovativ genutzt werden könnten ... Gerade das aber ist hierzulande ein Problem. Um als Ausländer in Österreich ohne Arbeitsgenehmigung arbeiten zu können, stieg die Zahl der Scheinselbständigen auf 10.000, klagt die Wirtschaftskammer. Die Zahl der Ost-Scheinfirmen nehme ständig zu � "eine große Problematik bei der herrschenden Arbeitslosensituation", so der stellvertretende WK-General Mitterlehner.
Und so könnten die modisch hochgelobte Wortkombination "neue Selbstständigkeit" oder das Kürzel Ich-AG wieder rasch zum Unwort werden, auf welches die kapitalgeilen Böcke trotz geilem Geiz "Null Bock" haben.
*) Gesteuerte Demokratie? Hrsg.: Ulrich Müller, Sven Giegold, Malte Arhelger. VSA, Hamburg 2004