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Michael Graber

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2005-10-18

Verbrecher oder Idiot

Als "peinlich" wertete am vergangenen Samstag der Chefredakteur der offiziösen "Wiener Zeitung", Andreas Unterberger, in seiner Kolumne einen Radio-Auftritt des Burgtheater-Direktors Klaus Bachler. Was hat Bachler "peinliches" geäußert? "Wer heute sagt, wenn's der Wirtschaft gut geht, geht es allen gut, ist entweder ein Verbrecher oder ein Idiot". Nun, Bachler konnte nicht wissen, daß sich der Herr Chefredakteur betroffen fühlt und ich bin auch weit davon entfernt, ihn für einen Verbrecher oder Idioten zu halten. Aber peinlich ist die Ansage nicht. Eher mutig, vor allem aber wahr. Vor allem dann, wenn man Zugang zu wirtschaftlicher Information und Möglichkeiten zu ihrer Verbreitung hat, diese aber bewußt unterläßt.

Die Studie des Wirtschaftsforschungsinstituts (Wifo) über die "Langfristigen Tendenzen der Einkommensverteilung in Österreich" fand trotz ihres sensationellen Inhalts nur wenige Zeilen Erwähnung in den Medien. Es findet sich nämlich dort der statistisch ausgewiesene Beweis, daß das Wohlergehen der "Wirtschaft" und ihrer Profiteure auf Kosten vieler, nämlich der Mehrheit derer, die arbeiten, zustande kommt.

Über die seit 25 Jahren dramatisch gefallene Lohnquote und ebenso spektakulär gestiegene Profitquote am Volkseinkommen, wie sie das Wifo errechnete, habe ich gestern berichtet. Und auch, daß der gewachsenen Profitquote eine gesunkene Investitionsquote gegenübersteht. Anteilsmäßig gewachsen sind nur die Finanzanlagen und die daraus geschöpften Gewinne.

Dass Burgtheater-Direktor Bachler recht hat, geht aus folgender Darstellung des Wifo hervor: Die Nettorealeinkommen der unselbständig Beschäftigten (darunter ist das tatsächlich verfügbare Einkommen nach Abzug der Steuern, Sozialversichrungsbeiträge und der Inflation zu verstehen) sanken von 1995 bis 2003 im Durchschnitt um 2,4%, die der untersten 40% sogar um 14%.

So schauts aus. In der Zeit der größten Profitexplosion ging das Einkommen der Arbeitenden zurück. Der "Wirtschaft" ging es sehr gut, der Mehrheit der Menschen, selbst jenen, die Arbeit haben, das zeigen die Zahlen, weniger bis gar nicht.

Vor wenigen Tagen veröffentlichte die "Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Politikentwicklung", die der SPÖ nicht fern steht, eine Untersuchung anhand der Geschäftsberichte über die Gewinnentwicklung der 33 österreichischen Konzerne, deren Aktien an der Wiener Börse gehandelt werden. Daraus geht hervor, dass die Gewinne (nach Steuern) in den Jahren 2001 bis 2004 von 1,51 Milliarden auf 3,93 Milliarden Euro zunahmen. Das ist ein Wachstum um 161% oder um 54% jährlich. Ähnlich das Wachstum der ausgeschütteten Dividenden: von 493 Millionen auf 1,027 Milliarden Euro. Das entspricht einer Steigerung um 108% oder 36% jährlich. Bei einem Drittel der Unternehmen lag die Beschäftigtenzahl 2004 niedriger als 2001.

Wer in Österreich kann noch solche Einkommensteigerungen verzeichnen? Eben.

Nach Herrn Unterberger sind die Äußerungen des Burgtheater-Direktors aber nicht nur "peinlich", sondern auch "dumm". Dann aber so "dumm" wie die "Wirtschaft".