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Julius Mende

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2005-09-25

Lernen für die Ich-AG Lernen für den Markt

Heute könnte man doch in den reichsten Gesellschaften der Welt erwarten, dass sie ihrer Jugend und auch den Alten offene kostenlose Bildungsangebote finanziert.

Die 68er Studentenrevolten im letzten Jahrhundert hatten sich, von den USA beginnend, auch gegen die völlige Unterordnung des Bildungswesens unter die Kapitalinteressen gerichtet. Dem kruden Verwertungsinteresse altliberaler Zurichtung der künftigen Arbeitskraft durch Schule und Ausbildung wurde ein antiautoritär-idealistischer Bildungsbegriff entgegengestellt.

Die gegenwärtige Debatte in Österreich konstruiert seitens der Machtträger ein System von Sachzwängen zwischen Sparnotwendigkeiten und gezielter Qualifikationsentwicklung. Differenzierte Ausbildungsgänge und die Differenzierung der Hochschulabschlüsse sollen möglichst punktgenau die Erfordernisse der Betriebe treffen. Durch Qualitätskontrollen, Evaluationen nach einheitlichen Leistungsstandards quer durch Europa soll durch vereinheitlichte Abschlussprüfungen die qualifizierte Reservearmee an Arbeitskräften produziert werden. Beruhigend ist fast schon wieder, dass das alles nichts so funktioniert. Wie bei uns jetzt z. B. hat man schon vor Jahren in Deutschland und der Schweiz die Lehreproduktion heruntergefahren mit dem Effekt, dass jetzt LehrerInnenmangel herrscht und österreichische Lehrkräfte angeworben werden. Fachhochschulabsolventen auf der anderen Seite sind häufig qualifizierte Arbeitslose.

Bildungsplanung ist ein heikles Geschäft, zumal das sog. Beschäftigungssystem , also die Abnehmer von Arbeitskraft, verstärkt durch neoliberale Fantasien von einem Jahr zum anderen nicht wissen, was sie an Qualifikation und wen sie brauchen. Wie man sieht, beutelt ja ein Wirbelsturm an einem Ende der Welt den wunderbaren freien Energiemarkt so durcheinander, dass die begeistertsten Vertreter des freien Marktes zu rigiden Regelungsinstrumenten greifen. Zur Zeit des Sputnikschocks, die Sowjets waren ja als erste im All, war man noch bereit, von der Planwirtschaft zu lernen. Dort war tendenziell der Arbeitsmarkt von den Ausbildungsinitiativen entkoppelt. Wie im Sport, etwa auch bei uns beim Schifahren, setze man auf Massenförderung, um dann die Qualifizierten auswählen zu können; man produzierte Überschuss. Die linksidealistischen Kritiker der Arbeit schwärmen von der völligen Entkoppelung, das war auch 1968 so. Jeder, jede, die nach höherer Bildung strebt, soll das möglichst zwangfrei kostenlos überall tun können. Jede Art der gezielten Berufsorientierung wurde als Abrichtung denunziert. Positiv freilich war die Aufwertung der Lernwünsche der Studierenden selbst.

Auch heute könnte man doch in den reichsten Gesellschaften der Welt erwarten, dass sie ihrer Jugend und auch den Alten offene kostenlose Bildungsangebote finanziert. Wie wir wissen, passiert das Gegenteil. Das Bildungswesen wird eingeschnürt und auf Qualifikationsfunktionen reduziert, und das noch von den Lernenden mitfinanziert. Bildung ist vermehrt wieder abhängig von der Geldtasche der Eltern. Marx, dem ja immer wieder Produktivkraftfetischismus vorgeworfen wurde, argumentierte hinsichtlich der Bildungserfordernisse vor über hundert Jahren schon differenzierter als Linkslinks und Rechts. Das gesellschaftliche Erfordernis nach Qualifikation für alle Lebensbereiche hatte er ebenso im Blick wie das Ziel der persönlichen Selbstentfaltung durch freies Lernen. Qualifikation sei mit Bildung im weiteren Sinne zu verbinden durch die polytechnische Schule. Das Kennenlernen der Grundfertigkeiten der gesellschaftlichen Produktion sei zum einen für den Verkauf der Arbeitskraft unerlässlich und zum anderen Grundlage aller weiterführenden Bildungsanstrengungen. Er dachte keinen Gegensatz zwischen Arbeiten und Lernen. Forderte sogar die pädagogisch konzipierte Kinderarbeit im Gegenzug zu der damals wie heute üblichen Ausbeutung von Kindern.
Die vielgerühmte offene Gesellschaft müsste sich eben auch durch ein offenes Bildungssystem auszeichnen, das niemanden frühzeitig ausgrenzt und aussortiert. Eine gemeinsame Schule für alle mit vielen Wahlmöglichkeiten bis ins reife Jugendalter würde eine gute Grundlage für die differenzierteren weiteren Bildungsanstrengungen schaffen. Die Einzelnen könnten dann mehr auf den Job schielend, oder als freie Persönlichkeitsentwicklung ihren Ausbildungsweg konzipieren. Der Staat, im Sinne der Breitenförderung, freut sich darüber und unterstützt den Bildungseifer. Unser Staat macht das Gegenteil. Die Ärmeren sollen sich auf Jahrzehnte durch Kredite verschulenden, damit das Türl zur Höherqualifikation überhaupt einmal aufgeht. Wir wissen's ja: jeder ist seines Glückes Schmied oder neudeutsch seine Ich-AG, und der Schmied liebt das Risiko. Er könnt ja mal ordentlich daneben hauen!