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Dagmar Schulz

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2005-05-28

Als einigermaßen hysterisch

Beide - der Adelsspross mit k.u.k. Wurzeln und "Berater" Vaclav Havels und der stellvertretende Vorsitzende der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Arnold Vaatz - wurden nämlich kurzerhand zum Flughafen gebracht und dann flugs nach Europa expediert. Das Medienecho war gewaltig, der cubanische Botschafter wurde in das Auswärtige Amt in Berlin bestellt. Das Ministerium werde den Diplomaten um "nähere Aufklärung und Informationen zu dem Vorfall" bitten, sagte ein Ministeriumssprecher.

Warum hielten sich die beiden aber überhaupt in Cuba auf? Wollten sie ins Tropicana, in die Floridita-Bar oder gar an den Strand von Varadero?

Mitnichten - die beiden edlen Vertreter der EU waren zum cubanischen DissidentInnentreffen angereist, um den CubanerInnen die Weisheit aus Europa zu bescheren. Doch dieses wurde vom offiziellen Cuba offensichtlich nicht im rechten Maße goutiert - wie HYSTERISCH! (Übrigens typisch, dass zur weiteren Abwertung ein Adjektiv verwendet wird, das man sonst fast ausnahmslos im Zusammenhang mit Frauen verwendet!)

Die DissidentInnenkonferenz, an der 200 Menschen teilnahmen, fand unter großem (westlichen) Mediengetöse ohne die beiden "europäischen Experten der Zivilgesellschaft" (???) statt - nur wenige Wochen vor der endgültigen Entscheidung der EU darüber, ob die von ihr 2003 gegen Kuba verhängten Sanktionen aufgehoben werden.

Wie dankenswert von den Medien, dass sie so eifrig und liebevoll über ein - zahlenmäßig unbedeutendes - Treffen von RegierungsgegnerInnen berichten! Wieso aber wird von - weitaus mächtigeren - Protestveranstaltungen in Österreich, den USA, Frankreich oder Italien nicht oder kaum berichtet?
Wieso liest man selten oder kaum von Anti-Bush, Anti-Kriegs-, Anti-KapitalismusaktivistInnen?
Könnte es etwa sein, dass 200 RegierungsgegnerInnen in Cuba der internationalen Journaille weitaus willkommener sind als 200.000 DemonstrantInnen gegen die Machenschaften der Global Players?

Wieso hält sich mein Mitleid mit dem aus Cuba ausgewiesenen Adelsspross Karl Schwarzenberg extrem in Grenzen?

Vielleicht, weil das Treffen der 200 "DissidentInnen" nicht nur von den ultrareaktionären Exilcubanern in den USA gesponsert wurde, wie ja auch unverblümt berichtet wurde, sondern weil es als "Hauptattraktion" mit einer Videobotschaft von G .W. Bush "punkten" konnte - was im ORF gezeigt wurde. (Vielleicht eine kleine Fehleinschätzung von Bushs Quote als Sympathieträger?)

Wieso werde ich das Gefühl nicht los, dass die CubanerInnen weder Schwarzenbergs noch die "Hilfe" der ExilcubanerInnen und schon gar nicht eine Einmischung von Bush gebrauchen können? Warum lässt man dieses kleine Land (mit seinen Vorzügen und Problemen, die zu einem Gutteil durch die Blockade bedingt sind) nicht in Ruhe und kümmert sich statt dessen um Demokratiedefizite in den USA, der Tschechischen Republik (Roma) oder sonstwo? (Etwa Österreich, wo eine Partei in der Regierung
sitzt, die VON NIEMANDEM gewählt wurde?)

Warum thematisiert man nur selten die Menschenrechtsverletzungen, die zwar auf Cuba, aber nicht von Cuba, nämlich in Guantanamo von den USA begangen werden? Warum kümmert sich die europäische Zivilgesellschaft nicht um die gesellschaftlichen und politischen Strukturen in Jamaica, Haiti und noch weniger um jene in Afrika?

Könnte es sein, dass die USA "EINIGERMAßEN HYSTERISCH" reagieren, weil sich Cuba noch immer nicht zur Gänze dem kapitalistischen System gebeugt hat, während Personen wie Schwarzenberg, Vaatz und die Exilcubaner bereits "EINIGERMASSEN HYSTERISCH" darauf warten, sich möglichst schnell ihr Stück
vom (Immobilien- und sonstigen) Kuchen zu sichern? (Vaatz kann dabei auf DDR-Erfahrungen zurückgreifen.)

Insofern hat Castro keinesfalls hysterisch, sondern angemessen reagiert - das Treffen der 200 Regierungsgegnerinnen fand unbehelligt statt, vorausgesetzt, dass mensch Bush auf Video nicht als Behelligung empfindet.