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Bärbel Mende Danneberg

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2005-11-01

Teufel, Tod und Vogelgrippe

Das Gefühl einer unausweichlichen Gefahr verfolgt uns mit jeder neuen Meldung über erkrankte Zugvögel, gestorbene Papageien, weggesperrte Hühner. Der Tod lauert unberechenbar im Federvieh und kommt näher, nun ist er schon bei einem Schwan am Neusiedler See angekommen. Wer weiß, ob mein Schnupfen nicht auch schon mein Todesurteil ist.

Hast du schon vorgebeugt, wird meine Tochter gefragt, du musst doch an deine Kinder denken. Der da fragt, hat geheimnisvollen Zugang zu einem Depot des mittlerweile nicht mehr erhältlichen antiviralen Medikaments Tamiflu. Meine Tochter rechnet nach. Sie bräuchte neun Packungen für sich und die Kinder, das würde sie ca. 400 Euro kosten. Nein, kann sie sich nicht leisten als Alleinerzieherin. Aber das sollten dir deine Kinder schon wert sein, wird ihr gesagt. Und auch die Sekretärin von unserer Gesundheitsministerin hat ja bereits vorgebeugt, hören wir im Radio.

Hin- und hergerissen zwischen Verantwortungsgefühl, Geldsorgen und Informationsmangel über die tatsächliche Gefahr begibt sie sich auf die Suche nach Lösungen. Im Internet wird ihr unter dem Stichwort Vogelgrippe, das 2.360.000 Eintragungen verzeichnet, eine ganze Liste verfügbaren Survivalzeugs angeboten: Desinfektionslösungen, Atemschutzmasken, Schutzkleidung, Heilpilze, FFP3-Masken, ein Optimalset zur besseren Nahrungsaufnahme, das 99 Euro kostet, Antiseptika, Cremes und dergleichen mehr.

Über das Medikament Tamiflu, das ihr der Bekannte nahegelegt hatte, erfährt sie, dass der Pharmamulti La Roche weltweite Herstellungs- und Vermarktungsrechte besitzt und dass der Konzern das Medikament kürzlich rationiert hat, damit, so die blauäugige Begründung, bei einer Pandemie für wirklich Vogelgrippeerkrankte genug Medikamente vorhanden sind. Denn seit dem Sommer sei es zu Panikkäufen gekommen. Tamiflu, das normalerweise 33 Euro kostet, wird bei Ebay mittlerweile für mehr als 150 Euro angeboten. Man sieht, der Preis richtet sich nach dem kapitalistischen Prinzip Angebot und Nachfrage, das weiß La Roche. Eine künstliche Verknappung bringt Profit, das haben auch schon jene gewusst, die während der Weltwirtschaftskrise im vorigen Jahrhundert den Kaffee ins Meer geschüttet haben. Und so hat La Roche die Herstellungsrechte von Tamiflu noch nicht in Lizenz weitergegeben, obwohl andere Pharmakonzerne Interesse angemeldet haben.

Vom Robert Koch-Institut erfahren wir, dass Impfungen nicht schützen und es bisher keinen Impfstoff gegen die Vogelgrippe gibt, dass aber fieberhaft daran gearbeitet wird. Weitere Profite winken. Gegen Influenzaviren vom Typ H5N1 wirken die sog. Neuraminidaseinhibitoren Oseltamivir und Zanamivir. Auch Tamiflu sollte irgendwie wirken, aber nichts Genaues weiß man nicht.

Interessanter aber sind folgende Informationen: 1997 gab es in Hongkong 18 Infektionen des Typs H5N1 am Menschen mit sechs Toten; 2003 in den Niederlanden 83 Erkrankungen vom Typ H7N7 mit einem Toten; 2003 in China zwei Erkrankungen vom Subtyp H5N1 mit einem Toten. Seit acht Jahren also acht Vogelgrippetote, einer pro Jahr. Die Statistik über Verkehrstote würde jubeln über eine solche Zahl.

Es ist schon klar, unterschätzen sollte man die Gefahr nicht, dass sich die Vogelgrippe-Virentypen mit den menschlichen Grippeviren kreuzen könnten und so eine Ansteckung von Mensch zu Mensch möglich wäre. Doch lassen wir die Kirche im Dorf und besuchen heute unsere Toten auf den Friedhöfen � es gibt keine Sicherheit auf dieser Welt. Nur manche Genforscher und Pharmakonzerne träumen von der Unsterblichkeit und leben von der Angst der Menschen. So etwa bietet das Grazer Unternehmen Lifecord ein nettes Weihnachtsgeschenk an: eine Geschenkbox mit Gutschein für ein Depot mit fünfjähriger Lagerung von Stammzellen aus dem Nabelschnurblut eines Neugeborenen. Kostenpunkt: 1.460 Euro.