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2005-07-25
Oder: wie konnte der Nationalsozialismus so stark verführen?
Der Naziputsch am 25. Juni 1934 scheiterte. Historiker behaupten, dass auch bei der von Schuschnigg angestrebten Volksabstimmung einige Jahre später die große Mehrheit der Bevölkerung gegen einen Anschluß an Hitlerdeutschland gestimmt hätte. Kurz darauf fand die Abstimmung statt, schon unter NS-Herrschaft - mit nahezu 100prozentiger Zustimmung zu diesem Regime. Wie konnte es dazu kommen?
Für den Ausgang der Volksabstimmung gibt eine naheliegende Antwort: Die Abstimmung fand bereits nach dem Einmarsch von Hitlers Truppen statt. Die ersten Terroraktionen hatten bereits begonnen, unter anderem die relativ einfache, und noch unblutige, aber dennoch wirksame, die darin bestand, dass Nazis ihre Ja-Stimme offen abgaben. Wer dies nicht tat, war damit automatisch verdächtig, die Angst tat ihre Wirkung.
Eine zweite Antwort ist schon komplexer und besteht aus psychodynamischen Theorien (also psychologischen Theorien, die un- bzw. halb- oder vorbewusste bzw. seelische Vorgänge - "Dynamik" beschreiben), die die Entstehung des Faschismus auf Basis einer gesellschaftskritischen Sicht zu erklären suchen.
Faschismusanfälligkeit als psychodynamischer Wirkmechanismus: Unbewußte Auflehnung gegen die Klassengesellschaft, und innerpsychische Abwehr dieser Auflehnung: Sündenbocksuche
Kurzfassung: Ein beträchtlicher Teil der Bevölkerung identifiziert sich mit der jeweils herrschenden Gesellschaftsordnung, d. h. auch mit einer Feudal- oder Klassengesellschaft, durch die sie selbst unterdrückt oder diskriminiert werden (unbewusstes Motto: "Wenn ich schon machen/erdulden muss, wogegen ich mich eigentlich empöre, dann will ich es wenigstens als richtig anerkennen, damit ich nicht dauernd leide"). Zugehörige Begriffe/Formulierungen: Identifikation mit dem Aggressor (grundsätzlicher zugrundeliegender psychischer Abwehrmechanismus nach FREUD), "depositäres Bewußtsein" nach Paolo FREIRE oder "falsches Bewußtsein" in der klassischen marxistischen Diktion. Diese innerseelischen Konstellationen führen nach ADORNO zum politisch-ökonomischen Konservativismus oder zur autoritativen (faschismusanfälligen) Charakterstruktur. REICH nennt dies "emotionale Pest", den/die damit Behafteten/Betroffenen "homo normalis".
Wie kommt es dazu? Wenn die Identifikation mit der unterdrücken Struktur nicht völlig gelingt, bleibt beim/bei der Betroffenen eine mehr oder weniger unbewusste Wut, ein Ressentiment gegen die Gesellschaftsform bestehen. Bei Personen, die bewusst Vorbehalte gegen die Klassenstruktur haben, entwickelt sich eine gesellschaftskritische oder sogar revolutionäre Einstellung. Diejenigen, bei denen dieser Vorgang, wie erwähnt in Form vor- oder unbewußter Ressentiments, sozusagen auf halbem Weg steckenbleibt, handelt es sich nach REICH zwar um die gesünderen, verglichen mit denen, die sich völlig identifizieren, aber es sind auch in gewisser Hinsicht die gefährlicheren: Jene, die sich völlig identifizieren, nennt ADORNO die
"echten Konservativen", sie sind natürlich auch zu repressiven Verhaltensweisen fähig. Jene mit der unbewussten Wut gegen die Gesellschaftsstruktur müssen aber zusätzlich ihre unbewusste Wut abreagieren. Gegen die wirklichen unterdrückenden Strukturen können sie ihre inneren Strebungen nicht richten, dazu ist ihre Identifikation zu groß, also müssen sie ihre Aggression gegen "Sündenböcke" richten: Gegen die, die sie als Außenseiter der Gesellschaft sehen.
Die "Bösen": Juden, Linke, "zersetzende" Intellektuelle ...
Gegen solche, die in ihrer Sicht (ethnozentristische Sicht nach ADORNO) aus anderen Kulturkreisen stammen, anderer Religion oder ethnischer Herkunft sind. Also: Ausländer, Juden etc.; zum anderen richten sich die umgelenkten Aggressionen gegen die, die sich "anmaßen" die als richtig empfundene Gesellschaftsordnung zu kritisieren, also gegen die Linken , um so mehr, als diese etwas tun, was die Faschismusanfälligen unbewußt eigentlich selbst gerne tun wollten: die Herrschenden entmachten. Aber die Linken sind nicht die "richtigen" Leute. Sie sind in ihren Augen "Usurpatoren", also unberechtigte Eroberer der Macht. Sie bringen das Proletariat an die Macht und nicht den tüchtigen Mittelstand, und nicht den "richtigen", also den nicht- proletarischen "kleinen Mann" an die Macht, als der sich dieser "kleine Mann" gerne sieht. Und sie bringen sich selbst als "zersetzende" Intellektuelle an die Macht. "Usurpatorenkomplex" der F-anfälligen nennt das ADORNO; das funktioniert natürlich auch, ohne dass der Betreffende das Wort Usurpator kennt.
F-anfällige zeigen zum Teil auch Ärger über die vom Kapitalismus angerichteten Übelstände: er richtet sich aber nicht grundlegend gegen das kapitalistische System, sondern bleibt oberflächlich: Sie kritisieren zwar "das System", und meinen damit "Tintenburgen", Beamte, die Steuern", im ausgeprägten Fall wird auch zwischen "schaffenden und raffenden Kapitalisten" unterschieden(1). Mit letzteren sind im westlichen, neuerdings auch im nahöstlichen Kulturkreis die Juden gemeint. In diesem Zusammenhang nennt ADORNO die F-anfälligen auch "Pseudosozialisten" oder auch "Pseudokonservative", wegen dieser gefährlichen, unausgegorenen Kombination von Einstellungen. "Gesünder"– als die Konservativen, und das nur in der folgenden Hinsicht (!) – sind sie nach REICH, weil sie im Gegensatz zu den vorgenannten immerhin zu einer rebellischen bzw. sich empörenden Tendenz fähig sind.
Zum emotionalen Nachvollzug ein Beispiel: Der Revolutionär im Bergbauernhof ...
Zur Verdeutlichung ein Beispiel, das nicht aus einer nationalsozialistischen Propaganda stammt, mit dem aber nachvollzogen werden kann, an welche psychische Befindlichkeit die Nazis andocken konnten:
Eine Erzählung von Rosegger, der zwar kein früher Sozalist, aber immerhin auch ein Sozialkritiker war, verfilmt im ORF: Verschneite Bergbauernlandschaft, irgendwann im 19. Jahrhundert. Die Bauernfamilie und das Gesinde sitzt rastend gemeinsam rund um den Tisch. Die Stimmung erscheint harmonisch. Da kommen durch den tiefen Schnee stapfend eine alte Frau und ein alter Mann auf das Gehöft zu. Rührend stützen sich die beiden beim Gehen. Im Gehöft werden sie gastfreundlich aufgenommen. Die beiden Alten sind, als sie noch arbeiten konnten, Magd und Knecht gewesen. Eine öffentliche Altervorsorge gab es noch nicht. Alle paar Tage bei einem Bauer zu Gast; Ein Dach über den Kopf, Teilnahme an der Kost, das war die damalige ländliche Sozialfürsorge und sie wurde in der Regel auch gewährt. Die Stubentür geht auf, der nächste einsame Wanderer betritt die Bühne: Ein Mann mit Arbeitermütze und Lederweste. Das Gespräch bewegt sich in Richtung Beschreibung der gesellschaftlichen Zustände. Der Neuankömmling, offensichtlich ein marxistischer Agitator, schildert mit bewegenden Worten das traurige Schicksal der ehemaligen Landarbeiter: Die Bauern, die Ausbeuter sind schuld! Die traute Stimmung in der Stube schwindet. Der alte Knecht begreift seine "Klassenlage", er fährt dem Bauern unter Aufbietung seiner verbliebenen Kräfte an die Kehle ... Da beginnt eine alte Frau das Vaterunser zu beten, andere stimmen ein. Die aggressive Situation verebbt urplötzlich. Der marxistische Agitator begreift, dass sich die Stimmung gegen ihn gewandt hat, daß die Situation für ihn nicht mehr nützbar ist, wortlos verschwindet er durch die Stubentür ...
Wahrnehmung des Marxismus als Ideologie des Hasses ...
Die Schilderung der Situation macht deutlich, was in vielen Menschen vorgegangen ist und noch vorgeht. Sie bedauern und kritisieren die klägliche Lage der sozial Schwachen, und gehen insofern mit den Marxisten konform. Im von ihnen wahrgenommenen Konzept der Linken sehen sie aber den Klassenkampf nicht als Weg zu mehr Humanität, als Weg zu einem harmonischem Miteinander der Menschen, als Anstreben eines Zustandes, in dem der ehemalige Ausbeuter seiner bisherigen Rolle enthoben, brüderlich/geschwisterlich neben seinen Mitmenschen leben kann, sondern als Konzept langdauernden Hasses, das den Menschen die Menschlichkeit raubt. Es müsse gehasst werden, so wird die linke Ideologie wahrgenommen, und das betrifft auch einen Bauern, dem in seiner historischen Situation nicht viel anderes übriggeblieben ist als sich den üblichen Gepflogenheiten anzupassen.
"Gelernte Marxisten" wissen es besser. Sie wissen, daß nicht jeder Angehörige der besitzenden Klasse als ein hassenswerter Mensch gesehen werden muss. Und sie begreifen das Ziel des Sozialismus als Sieg der Menschenrechte in einem umfassenden Sinn.
Widersprüchliche Nazi-Ideologie: Volksgemeinschaft und Recht des Stärkeren
Nazis knüpfen am Harmoniebedürfnis an und kreiden den Linken an, dass sie das Volk entzweien; damit befriedigen sie das eigene Harmoniebedürfnis und z. T. das ihrer Zeitgenossen. Dort, wo das kapitalistische Wirtschaftsleben mit seinen Grausamkeiten diesem Harmoniebedürfnis nicht entspricht, antwortet die NS-Ideologie mit einem der "Volksgemeinschaft" und der Harmonie und dem Sozialen widersprechenden ideologischen Inhalt: Da ist dann vom Recht des Stärkeren in der Natur die Rede, die erfolgreichere und lebenstüchtigere Individuen hervorbringe und so den erfolgreichen Fortbestand des Lebens sichere. - Eine grausame Interpretation der Darwinschen Evolutionstheorie, von den Linken "Sozialdarwinimus/Biologismus" genannt; sie gehört übrigens auch zum Argumentationsschatz der Konservativen und Wirtschaftsliberalen. Bei Nazis aber eben letztlich in übersteigerter, noch unmenschlicherer Form: Herrenmenschentum, verfügend über das Recht, "Untermenschen" zu drangsalieren, zu unterjochen, zu vernichten. In der Vorstufe dazu rechtfertigen sie mit ihrer Theorie aber auch das, was sie vordergründig kritisieren: z. B. die sozial prekäre Lage von Landarbeitern, Mägden, Arbeitslosen, der kleinen Gewerbetreibenden.
Heilsbotschaften ... unheilvolle und versäumte
Aber offensichtlich wurde zu lange vernachlässigt, den Marxismus auch als "Heilsbotschaft"zu vermitteln. In der Vergangenheit und Gegenwart wurde von linker Seite gegen Vorstellungen einer "heilen Welt" polemisiert.
Das hat einerseits eine eigene Plausibilität: Es gehört zum Standardrepertoire jeder herrschenden Klasse, die jeweilige Gesellschaftsstruktur als "heil", also gut und gerecht bzw. religiös, biologisch oder/und ökonomisch legitimiert darzustellen. Es liegt dann in der Natur der Konfliktlage, daß die Gesellschaftskritiker diese Darstellung angreifen, d. h. als "unheil" darstellen. Dabei passiert(e) es allzu oft, daß nicht nur Kritik an der verlogenen heilen Darstellung einer ungerechten Klassengesellschaft erfolgt(e), sondern dass sozusagen das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde/wird: Nicht nur die verlogene, verfälschende Verwendung positiver Begriffe, wie Gerechtigkeit, Freiheit, "friedliches Zusammenleben" wird kritisiert, sondern die Begriffe selbst werden in so mancher linken Polemik in Misskredit gebracht. Auf diese Weise lassen Linke zu, dass positive Begriffe von den Rechten, d. h. sowohl bei denn "echten" konservativen Rechten als auch bei den faschismusanfälligen Rechten okuppiert bleiben. Die letzteren "haken" dann noch in dem für sie typischen psychodynamischen Feld ein: Sie greifen die Empörung über die sozialen Missstände auf und vermitteln eine, wie ich glaube, "Heilsbotschaft"(2), in der die Auflösung der sozialen Missstände als Ziel angegeben wird, das aber scheinbar auf einem "harmonischeren" Weg, d. h. also ohne kämpferische Überwindung einer Klassengesellschaft. Diese bleibt bestehen, die Unternehmen sollen sich aber wohlverhalten, die Lohnabhängigen ebenso (= nicht klassenkämpfen): "Volksgemeinschaft" war dafür der ideologische Ausdruck in der Naziideologie. Dies kam und kommt zweifellos dem Harmonie- und Friedensbedürfnis all derer entgegen, die das Klassensystem nicht genügend durchschauen(wollen).
Die Linken sind aus dieser Sicht die Aufhetzer, Zersetzer, diejenigen, die den Unfrieden bringen. Insofern verstehen sich die Nationalsozialisten als Überbringer einer Heilsbotschaft und wurden aus innerer Bereitschaft auch gerne so gesehen. Nicht umsonst bestand ihr Gruß auch aus dem Wort "Heil". Dass in der Naziideologie in der letzlichen ideologischen Konsequenz das Recht des Stärkeren angebetet wurde, die Verächtlichmachung der Humanität und Nächstenliebe, wurde bei Ansicht der vordergründigen NS-Propaganda allzuleicht übersehen.
Nazis "antifeudal" und "volksnah"; Bürgertum ...
Ein weiteres Beispiel: Von einem Zeitzeugen, der dem Nationalsozialismus nicht nahestand, aber den Krieg als Wehrmachtsoldat erlebte, konnte ich die Schilderung hören, dass gerade solche Wehrmachtsoffiziere, die betont nationalsozialistisch eingestellt waren, starke Aversionen gegen jene anderen Offiziere hatten, die, aus feudalen Familien stammend, den Typ des preußischen Junkers verkörperten. Auch hier wieder eine quasi egalitäre, also zur Gleichstellung der Menschen zielende Tendenz, in Anbetracht der Gesamtideologie natürlich nur eine pseudosozialistische Komponente. Die Schilderung der Eigenschaften von SS-Offizieren in jüngeren, politisch den Neonazis nicht zuordenbaren historischen Texten über den II. Weltkrieg, in der diese als oft im Umgang primitiv, im Vergleich mit Wehrmachtsoffizieren weniger gebildet (auch militärisch weniger ausgebildet), aber sich gegenüber den Mannschaften jovial und kumpelhafter gebend geschildert werden, unterstützt diese These.
Dass die Bourgeoisie am Zustandekommen des Faschismus funktionell auch ein Interesse hatte und insoferne mit dem Nazitum verbunden war, soll damit nicht bestritten werden. Aber das sind bereits bekanntere Theorien.
Deutsche Geschichte ... einmal etwas abseits linker "political correctness"
Noch einmal ein Bezug auf die Volksabstimmung: Auch bei Würdigung der Kriterien, die für die Heranbildung einer eigenständigen österreichischen Nation sprechen, muss der Vollständigkeit halber und fairerweise auch in die Überlegungen miteinbezogen werden, dass es auch eine Denktradition gab, die sich auf die ethnischen und kulturellen Gemeinsamkeiten von Österreich und Deutschland bezogen, die nicht faschistisch geprägt waren. (Gemeinsame Geschichte im Rahmen des "Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation"– ein wissenschaftlicher Streitfall, ob der Zusatz "deutscher Nation" historisch richtig ist; Habsburger, die in diesem Sinne deutsche Kaiser waren; Erzherzog Johann, der ja für seine Zeit ein eher fortschrittlicher Mensch war, als letzter Präsident der deutschen Nationalversammlung; Sprache, Literatur usw.) Diese Gegebenheiten konnte Hitler auch für die Idee seines Großdeutschland missbrauchen. Hinzu kam noch die Vorstellung, daß Österreich im größeren "Wirtschaftsraum Deutschland" überlebensfähiger sei, als getrennt davon. Demgegenüber war das Modell der Austrofaschisten, die Österreich als den besseren, zweiten deutschen Staat darstellen wollten, wohl schon nachrangig.
Noch spekulativere Theorien: "Die Sexualökonomie"; das besiegte Matriarchat. Das Patriarchat als grundlegender Faktor für repressive Gesellschafts- und Charakter-Strukturen ...
Die bisherigen Theorien bezogen sich auf die psychischen Wirkmechanismen rund um die sozial-ökonomischen gesellschaftlichen Bedingungen bzw. anders ausgedrückt um Zusammenhänge mit den Produktionsverhältnissen und sind so gesehen Faschismustheorien, die wahrscheinlich bekannter und auch die Hauptfaktoren der Faschismusanfälligkeit darstellen. Um aber das Unfassbare fassbarer zu machen, sollen auch Theorien dargestellt werden, die noch spekulativer anmuten mögen. (Sind Spekulationen unwissenschaftlich? Auch bei streng wissenschaftlicher Methodik bedarf es zunächst einmal der Formulierung von Hypothesen. Diese sollten dann auf Richtigkeit überprüft und damit schlüssige Antworten ermöglichen. Zur Formulierung von Hypothesen bedarf es aber erst einmal eines gewissen Maßes an Spekulation, beruhend auf Beobachtung und Kreativität.)
Wenn im folgenden relativ viel von sexual-ökonomischen (Patriarchat/Matriarchat) Theorien die Rede ist, und diese im vorliegenden Text mehr Raum einnehmen als beispielsweise die Analyse des Antisemitismus, und Militarismus, so soll dies nicht so verstanden, daß die letzteren zweitrangige Erlärungsmuster im Bezug zum Faschismus wären. Die Absicht ist vielmehr, auch einmal weniger geläufige Theorien aufzuzeigen, die aber auch grundsätzlich mit den anderen Symptomen der politischen Rechten (vermutlich) in Wechselwirkung stehen.
Die Okkupation der Heilsbegriffe durch die Rechten fand nicht nur auf ökonomisch-sozialem Gebiet statt. Auch in der Thematik des Zusammenlebens der Geschlechter, der Sexualität, Partnerschaft und des Begriffs Familie fand ein Kulturkampf statt, der immer noch schwelt. Wie von fortschrittlichen Autoren und Forschern beschrieben und betont – vor allem durch Wilhelm REICH – entwickelten sich die Klassengesellschaften vor tausenden Jahren vermutlich aus Formen eines Stammes-Urkommunismus heraus. Durch die sich entwickelnde Landwirtschaft sei es zunächst möglich gewesen, Kriegsgefangene als Sklaven für sich arbeiten zu lassen, Reichtümer anzuhäufen, Abhängigkeiten zu schaffen, die in den frühen Jäger- und Sammlergemeinschaften nicht möglich gewesen seien. Mit dieser Veränderung der Produktionsverhältnisse sei auch eine Veränderung im Frau-Mann-Verhältnis, in der Sexualmoral, in dem, was man unter Familie versteht, einhergegangen. Von einer matriarchalen (besser: matrimonialen Gesellschaft – hier kommt der Begriff nicht vor), also einer mutterrechtlichen Form des Zusammenlebens, sei es zu einer patriarchalen Form gekommen.
Das Matriarchat: mögliche Quellen einer Heilsvorstellung der anderen Art ...
Während im Matriarchat eine "freiere" Form der Sexualität stattgefunden hätte (was man unter frei versteht, ist natürlich von der weltanschaulichen Sicht abhängig), sei es mit dem Patriarchat zu einem Einbrechen der "sexuellen Zwangsmoral" in die bisher harmonischere menschliche Gesellschaft gekommen: in der matrimonialen Gesellschaft hätte es keine feste Regel gegeben, dass ein Paar zusammenbleiben müsse, Frauen hätten in der Regel mit verschiedenen Männern Kinder gezeugt. Das heißt also, es hätte keine "Zwangsmoral" zur Einhaltung der sexuellen Treue gegeben. Für die Betreuung der Kinder seien die Verwandten mütterlicherseits zuständig gewesen. Diese Gesellschaftsform sei weniger hierarchisch und weniger kriegerisch gewesen; Besitz und Macht hätten viel weniger Stellenwert gehabt als in den darauf folgenden patriarchalen Gesellschaften, und sie hätte nicht auf sozialer Ausbeutung beruht. Spiritualität und Sexualität seien keine Gegensätze, sondern noch eine Einheit gewesen
Die Möglichkeit, angehäufte materielle Güter nur den eigenen blutsverwandten Kindern zu vererben und damit Reichtümer zu akkumulieren, wäre ein Motiv für Männer gewesen, die matrimonialen Formen des Zusammenlebens zu unterdrücken, die patriarchale einzuführen – d. h. sexuelle Treue ihrer Frau, bzw. ihrer Frauen einzuführen und streng zu überwachen. In den frühen Patriarchatsformen, die z. T. bis in die Gegenwart reichen, durfte ja der Mann mehrere Frauen haben, war also nicht nur einer zur Treue verpflichtet.
Auch seien die schon patriarchalen Völker kriegerischer und aggressiver gewesen und hätten nach und nach die mutterrechtlich organisierten Populationen unterdrückt. Die Frage, warum nicht Mütter in einer matriarchalen Kultur wie patriarchale Männer ebenfalls angehäufte materielle Güter ihren zwangsläufig blutsverwandten Kindern weiter zu vererben verleitet waren, und so eine hierarchisch, unterdrückerische Gesellschaft einzuführen, bleibt in den Theorien meines Wissens nach unbeantwortet.
Jedenfalls hat man versucht, diese Theorien auch durch völkerkundliche Studien zu erhärten. ENGELS hat über den mutterrechtlich organisierten Indianerstamm der Irokesen berichtet. Andere Studien beziehen sich auf Völker der Südsee, sowie verschieden Indianerstämme. Der Vergleich von patriarchal strukturierten Völkern mit matriarchalen scheint in den wesentlichen Grundzügen – mit Ausnahmen – diese Theorien zu bestätigen (Siehe Fußnote Literaturangabe in Endnote 2). Jedenfalls zeigt sich in der Geschichte, dass sozialrevolutionäre Bewegungen z. T. auch auf die Änderungen der Familienstruktur, bzw. der Sexualmoral, orientiert waren. Z. B. die religiös-revolutionäre Bewegung von Thomas Münzer Ende des Mittelalters; sie wurden auch deshalb mit Grausamkeit verfolgt.
Zwiespältige Entwicklung in der jungen Sowjetunion. Bedrohung des Abendlandes durch den "Kulturbolschewismus"; noch eine gelungene Instrumentalisierung durch die Nazis
REICH berichtet über tiefgreifende Veränderungen in der Familienstruktur im Zuge der revolutionären Veränderungen in den ersten Jahren der Sowjetunion. 1917 wurden von Lenin zwei Dekrete erlassen. Beide nahmen dem Mann das Recht zur Führung in der Familie, gaben der Frau volle materielle und auch sexuelle Selbstbestimmung ... Maßgebend war einzig die "freie Willensentscheidung" der Partner"(3). Die Frauen hätten sich emanzipiert. Freie Liebe sei praktiziert worden. Die Kommunisten hätten sich den damit auftretenden Fragen z. T. offen gestellt, und die Entwicklung begrüßt, z. T. auch den sich daraus ergebenden Entwicklungen ratlos gegenübergestanden. "Verfolgt man die Diskussionen, die damals die Gemüter aller Bevölkerungskreise so erregten, kann man feststellen, daß die Konservativen über den ganzen Schatz an alten Argumenten und 'Beweisen' verfügten, während die Fortschrittlichen, Revolutionären zwar genau fühlten, dass an die Stelle des 'Alten' etwas 'Neues' treten müßte, aber sie vermochten ihm nicht den richtigen Ausdruck zu geben. Sie kämpften tapfer und unermüdlich, aber sie versagten in der Diskussion, weil sie ihre Waffen erst mühsam selbst schmieden, ihre Argumente aus dem schäumenden Leben der Revolution suchen mußten, weil sie schließlich selber zum Teil in alten Begriffen befangen waren, die sie wie Schlinggewächse den Schwimmenden umklammerten" (REICH; Die sexuelle Revolution, Fischer1971, S.171).
Nach außen blieben diesen Phänomene nicht unbemerkt. Im bürgerlichen Westen wurde dieser Sexualbolschewismus" als Bedrohung angesehen: Einerseits zu Recht: Wie in allen fortschrittlichen Theorien zum Thema Patriarchat ausgeführt wird, sei eine strenge Sexualmoral, d. h. eine Moral, die Keuschheit vor der Ehe einfordert, die starre "Zwangsehe" aufrecht erhalten will, alle Ansätze, die darauf gerichtet sind, auch mehrere Personen lieben zu können, strikt unterbinden will, ohne ein beträchtliches Maß an Triebunterdrückung nicht denkbar. Diese (Teil-) Unterdrückung des Sexualtriebes führe wiederum auch zur Entwicklung eines autoritativen Charakters, d. h. zur Anerkennung und Identifizierung mit den gegebenen gesellschaftlichen Machtstrukturen, zu Neurosen, überstrenger Kindererziehung, z. T. zur Entwicklung von Sadismen. Eine strenge Sexualmoral sei Bedingung zur Aufrechterhaltung repressiver Gesellschaftssysteme wie Feudalismus und Kapitalismus. So gesehen, waren die neuen Entwicklungen tatsächlich eine Bedrohung des Systems "Familie" in seiner Funktion einer "Keimzelle" des (bürgerlichen!) Staates bzw. einer kapitalistischen Gesellschaftsordnung. Von den bürgerlich geprägten Menschen wurde dies intuitiv richtig erkannt, und indirekt bestätigten und bestätigen sie damit die Analysen der linken Gesellschaftskritiker.
Andererseits war die Botschaft, wie der Sexualbolschewismus beschrieben wurde, oder wie man ihn sich vorstellte, verzerrt: da war natürlich nicht die Rede von einer neuen freieren Form menschlichen Zusammenlebens, in dem sich beide Geschlechter in Würde und Verantwortungsbewusstein begegnen können, ohne durch materielle Abhängigkeiten in ihren Gefühlen manipuliert zu sein. Keine Rede vom Rückblick auf das Matriarchat mit seiner Verbindung von Spiritualität und Sexualität, und von einer friedlicheren und weniger ausbeuterischen Ordnung. Vielmehr bestand das vorgestellte Bild dieser Entwicklung in einem hemmungslosen, rücksichtslosen Durcheinander sexueller Kurzbeziehungen, als Bedrohung der Würde der Frau, die den willkürlichen Bedürfnissen der Männer ausgeliefert sei.
Daraus ergab sich natürlicherweise die konservative Gegenpropaganda. Man mußte gegen den Bolschewismus zu Felde ziehen, nicht nur um die kapitalistische Gesellschaftsform zu schützen, sondern auch, um die eigenen Frauen vor diesen Sittenverfall zu schützen.
Im wirtschaftlichen Kleinbetrieb, ob bei einem kleinen Kaufmann oder insbesondere bei einer kleinen oder mittleren Bauernwirtschaft, ist das Zusammenfallen von Familie und Produktionsweise gegeben - das ist jetzt die linke Gesellschaftsanalyse: "In der innigen Verflochtenheit von Familie und Wirtschaft liegt die Lösung der Frage, warum das Bauerntum 'erdgebunden', 'traditionell' und darum der politischen Reaktion so leicht zugänglich ist. Nicht als ob die Wirtschaftsweise allein die Erdgebundenheit und Tradition bedingte, sondern auch in dem Sinne, daß die Produktionsweise des Bauern einen strenge familiäre Bindung aller Familienmitglieder aneinander erfordert, und diese Bindung setzt eine weitgehenden sexuelle Unterdrückung und Sexualverdrängung voraus. Erst auf dieser doppelten Basis erhebt sich das typische bäuerliche Denken, dessen Zentrum die patriarchalische Sexualmoral bildet ... denen (auch) die sowjetischen Regierung bei der Kollektivierung der Landwirtschaft begegnete (REICH, Massenpsychologie des Faschismus, S. 64).
Während rein konservativ-reaktionäre politische Richtungen dem von den kapitalistischen Marktgesetzen bedrängten Mittelstand keine Alternativen bieten konnte, wusste der Faschismus den Bedürfnissen besser zub entsprechen:
"Mit dem 'Erbhofgesetz', das Bauernhöfe vor Überschuldung und schädlicher Zersplitterung im Erbgang schützen sollte, standen die Nazis im Widerspruch zu den Interessen der Großagrarier. Dieser Widerspruch war aber reichlich wettgemacht durch ein zweites mächtiges Interesse der Großagrarier, den bäuerlichen Mittelstand zu erhalten, weil er die Massenbasis ihrer Macht darstellt. Nicht nur ist der Kleinbesitzer mit dem Großbesitzer als Privateigentümer identifiziert, das hätte wenig Gewicht, wenn nicht mit dem Klein- und Mittelbesitz eine ideologische Atmosphäre erhalten bliebe, die der kleinwirtschaftenden Familie, aus der die besten nationalistischen Krieger hervorzugehen pflegen und die Frauen im Sinne der nationalistischen Ideologie strukturell verändert. Hier liegt der Hintergrund des vielgenannten 'sittlich erhaltenden Einflusses des gesunden Bauerntums'. Diese Frage ist aber eine sexualökonomische" (REICH, Massenpsychologie, S. 66).
Somit bot der Nationalsozialismus eine begrenzte scheinbare antikapitalistische Schutz- funktion – etwas, das ein System wie jenes unter Dollfuss nicht mehr glaubwürdig anbieten konnte; andererseits versprach er all jenen Schutz und Anhalt, die jenes Gesellschaftssystem erhalten wollten, in der die Besitzenden die tonangebenden Klasse blieben, auch wenn sie nur Kleinbesitzer waren. Die konventionellen Vorstellungen zur Sexualmoral konnten in diesem psychischen Regelkreis geschickt zur antikommunistischen Manipulation eingebaut werden, eben auch, weil sie den psychischen Ängsten der Faschismusanfälligen entsprachen:
Dem Faschismus war es auch in der Thematik rund um Familienstruktur, um Frauen und Mutterrolle gelungen, eine Art Heilsbotschaft zu formulieren, also Begriffe wie Mutterschaft in den oben beschriebenen repressiven Zusammenhängen positiv zu besetzen.
"So groß die Tätigkeitsbereiche der Frau gezogen werden können, so muß doch das letzte Ziel einer wahrhaft organischen und logischen Entwicklung immer wieder in der Bildung der Familie liegen. Sie ist die kleinste, aber wertvollste Einheit im Aufbau des ganzen Staatsgefüges. Die Arbeit ehrt die Frau wie den Mann. Das Kind aber adelt die Mutter" (aus einem Wahlaufruf der NSDAP [Adolf Hitler: Mein Programm], zitiert in REICH, Massenpsychologie, S. 74).
Tragische Paradoxie! Die linke Revolution, die angetreten war, mit dem Kapitalismus auch das Patriarchat zu überwinden, hätte eigentlich die positiven Elemente einer matrimonialen, also mutterrechtlichen Gesellschaft wiederbelebt. Zwar war es bis zu einem gewissen Grad gelungen, die Arbeiterbewegung auch als Emanzipationsbewegung der Frau zu institutionalisieren, und das ist zweifellos ein großer historischer Verdienst. Andererseits war es nicht in genügendem Ausmaß möglich, das positive Anliegen als eine Heilsbotschaft zu vermitteln, in der die Befreiung vom Patriarchat und seiner Familienform nicht nur als Abbauakt, sondern auch als Aufbau einer neuen konstruktiven Menschlichkeit zwischen Frau und Mann und Kind zu verstehen gewesen wäre, und in dem das Verständnis einer vom Patriarchat befreiten Mutterschaft Teil des neuen Ideals hätte sein sollen(4). Inwieweit die verschiedenen Strömungen des Feminismus dabei eine Rolle gespielt haben, sollte Teil zukünftiger Diskussionen sein.
Jedenfalls hält eine gewisse Polemik innerhalb der Linken gegen die "Mutterrolle" bis in die Gegenwart an, meist in Gesellschaft einer Argumentationskette, in der die Abtreibungsfrage so abgehandelt wird, als sei eine Abtreibung eine seelisch, körperlich und ethisch völlig unproblematische Methode. Auch ein Paradoxie – gemessen am Erbe des Matriarchats.
In der jüngsten Entwicklung sind es eher esoterische Strömungen, die einen neuen Feminismus stärken wollen, der sich auf die Menschheitsepoche des Matriarchats bezieht. Da wird vom "Wassermannzeitalter" gesprochen, u. a.von keltischen Erd-, Wald- und Fruchtbarkeitsgöttinen, von den schamanischen Aufgaben der Frau, ihren speziellen Fähigkeiten, und auch von der historischen Epoche, in der das Patriarchat das Matriarchat unterdrückte. Von den anderen Formen der Sexualmoral ist da dann aber weniger die Rede, und auch die egalitäre, nicht ausbeutende Gesellschaftsordnung des Matriarchats wird nicht in ihrer vollen revolutionären Tragweite geschildert. Inwieweit das ein Zugeständnis an bürgerliche Emanzipationsvorstellungen ist, bleibe vorläufig dahingestellt.
Noch einmal zurück zur Sowjetunion und nicht nur nebenbei bemerkt: Die antipatriarchale Ausrichtung wurde nach den Anfangsjahren der SU zurückgedrängt, bis unter Stalin die konventionelle Familienform und die "Ent-Erotisierung" wieder als das für Kommunisten gültige Ideal vorgegeben wurde. Den Faschisten und Reaktionären konnte damit aber auch kein Wind mehr aus den Segeln genommen werden. Wahrscheinlich schlimmer: Nicht nur dadurch, aber auch dadurch, wurde die geistige Atmosphäre, wie REICH meint, auch in der Sowjetunion Richtung Autoritarismus verschoben, und somit eine der Bedingungen für die Fehlentwicklung dieses Systems gelegt.
ZUSAMMENFASSUNG:
Der Nationalsozialismus konnte sich für viele als Alternative zwischen Kapitalismus und dem klassenkämpferischen Sozialismus darstellen. Dies gelang insbesondere deshalb, weil seine Ideologie der inneren psychischen Dynamik entsprach, von der viele Menschen geprägt waren: Der Konflikt zwischen der Identifikation mit der herrschenden Gesellschaftsordnung und dem inneren Protest dagegen, der aber abgewehrt und als Aggression umgelenkt wird gegen Sündenböcke (vor allem ausgelebt im Antisemitismus, Unterscheidung zwischen "schaffenden und raffenden Kapitalisten"). Einerseits entsprach er damit einem durch diese Charakterstruktur hervorgerufenen Sadismus (in den schlimmeren Fällen), andererseits einem Harmoniebedürfnis, einer inneren Bedürfnis nach einer Heilsbotsschaft (bei den vielleicht etwas naiveren Irregeführten) einem Bedürfnis, dem die sozialistischen Denkrichtungen, wiewohl sie eigentlich auch Heilsbotschaften sind, nicht so direkt Rechnung tragen konnten: Sei es durch die stärkere Realitätsgebundenheit, die die Überwindung der Klassengesellschaft als Notwendigkeit darstellte, sei es, weil die Linke durch ihren Hang zur Intellektualisierung das innere Bedürfnis der Menschen nach Heilsbotschaften unterschätzten, und das Harmonie- und Heilbringende der eigenen Ideologie gegenüber dem (Klassen-)Kämpferischen zuwenig als solches darstellten.
Den Faschisten war es gelungen, positive Begriffe und Vorstellungen zu okkupieren: Die "Volksgemeinsschaft" – ein von ihnen geprägter Begriff – könnte gefühlmäßig für eine Gesellschaft ohne Ausbeutung für eine klassenlose Gesellschaft stehen; auf dem damit verbundenen Programm stand "der Arbeiter", der seinem Unternehmer in "Gefolgschaftstreue" ergeben zu sein habe (kein Arbeitskampf!) und der Unternehmer, der für seine Arbeiter (Gefolgsleute) Sorge tragen müsse. Das austrofaschistische System konnte sich nach dem Bürgerkrieg und seiner eindeutig prokapitalistischen, probürgerlichen und blutigen Vergangenheit vermutlich nicht mehr glaubwürdig als Vertreterin einer "Heilsbotschaft" "verkaufen".
Hinzu kam auch die Angst vor dem "Kulturbolschewismus", also die Angst vor der Umwandlung der patriarchalen Gesellschaftsordnung in eine solche, in dem mit der Gleichberechtigung der Frau und der teilweisen Aufhebung der konventionellen Ehe, die Vorstellung eines sexuellen Chaos als Bedrohung empfunden wurde. Die Faschisten konnten sich erfolgreich als die Speerspitze gegen diese "Bedrohung des Abendlandes" darstellen und beträchtliche Affekte damit wachrufen.
AUSBLICK:
Auch heute wirkt die Linke oft überintellektualisierend. Damit soll nicht einem Anti-Intellektualismus das Wort geredet werden, der ja auch Teilsymptom der Faschismusanfälligkeit ist. Aber es gibt doch oftmalig vorkommende Polemiken unter Linken, gegen quasi naive "Heile-Welt-Vorstellungen", die schlampigen Polemiken gegen die von den Rechten (zu unrecht) belegten positiven Begriffe wie Gut, Böse, Ordnung, Gerechtigkeit. Gerade der Begriff Freiheit wird noch zugelassen, und es muss schwer darum mit den Rechten gerungen werden.
Kommen die Linken dem berechtigten Bedürfnis nach "positiven Denken", dem Harmoniebedürfnis in der Darstellungsart ihres Weltbildes genügend entgegen? Naives positives Denken im politischen Bereich führt zur Desorientierung und zur Fehlanalyse, und führt bei der entsprechenden oben dargestellten Dynamik unter Umständen zur Faschismusanfälligkeit. Ein Leben ohne Vorstellung von Harmonie andererseits kann in psychische Störungen führen. Das Bedürfnis sollte verstanden und in die linken Denkmodelle besser integriert werden.
Anmerkungen:
(1) Natürlich sind beim Zustandekommen des Antisemitismus nicht nur sozial-ökonomische Verirrungen maßgeblich, sondern auch die Traditionen des religiös begründeten Antisemitismus (Juden als die Verantwortlichen für die Kreuzigung Christi).
(2) Der "Aspekt der Heilsbotschaft" stammt nicht von den oben erwähnten Autoren, sondern vom Verfasser dieser Zeilen. (Ausgewählte Literatur: E. FROMM, Anatomie der menschlichen Destruktivität, W. REICH, Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. W. REICH, Die sexuelle Revolution. W. REICH, Massenpsychologie des Faschismus. W. REICH; Charakteranalyse. Hilde SCHMÖLZER, Die verlorene Geschichte der Frau. E. BORNEMANN, Das Patriarchat – Ursprung und Zukunft unseres Gesellschaftssystems; H. BIEDERMANN, Die großen Mütter. M: MEAD, Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaften; GÖTTNER-ABENDROTH, Matriarchat; T. W. ADORNO, Studien zum autoritären Charakter, 1950)
(3) Fortsetzung der Schilderung bei REICH: "Anderweitige sexuelle Beziehungen eines der beiden Partner wurden auch bei bestehender Registrierung "nicht verfolgt". Doch wurde die Nichtmitteilung einer zweiten Beziehung an den Partner als "Betrug" angesehen. Die Verpflichtung zur Alimentation war urspünglich nur als Übergangsmaßnahme angesehen ... daß die Alimentationspflicht nur vorübergehenden Charakter tragen mußte, versteht sich aus der Tendenz des Sowjetismus zur Herstellung der vollen wirtschaftlichen Unabhängigkeit aller Gesellschaftsmitglieder. In den ersten Revolutionsjahren hatte diese Verpflichtung nur die Funktion, über erste Schwierigkeiten hinwegzuhelfen, die den eigentlichen Absichten der gesellschaftlichen Ordnung zur vollen persönlichen und wirtschaftlichen Freiheit im Wege standen. Die Familie war ja bloß gesetzlich aufgehoben, aber nicht in Wirklichkeit. Denn solange die Gesellschaft nicht allen Erwachsenen und Heranwachsenden die Versorgung sichern kann, bleibt die Funktion der Familie, soziale Sicherheit der Familienmitglieder zu gewährleisten, als Vertreterin der Gesellschaft bestehen. Lebte jemand längere Zeit in einer registrierten Ehe und sorgte für den Unterhalt seiner Familie, so entstand ein Schaden für seine Familie, wenn er neue Verpflichtungen auf sich nahm. Setzte nun der Betreffende seine erste Frau nicht in Kenntnis von der neuen Beziehung, so übte er einen unzweifelhaften Betrug an ihr aus. Aus diesem familiären Verhältnis ergab sich somit von selbst eine Bremsung bzw. ein Widerspruch zum Sinn des Sowjetgesetzes, das ausdrücklich persönliche Freiheit zusicherte, auch in der Beziehung zu mehreren Partnern. Wir erkennen daran zum ersten Male einen realen Widerspruch zwischen einem Stück sowjetischer Freiheits-Ideologie, die im Ehegesetz die zukünftige, erstrebte sexuelle Freiheit vorweggenommen hatte, und den realen familiären Seinsbedingungen. Die Alimentationspflicht und das Interesse der noch nicht selbständig gewordenen Frau daran widersetzten sich der angestrebten Freiheit ...“(REICH, Die sexuelle Revolution; Fischer 1971, S.169)
(4) In den 60er , 70er Jahren des 20 Jahrhunderts gab es die sog. "Mühl-Kommune" am Friedrichshof (Bgld). Eine Konstellation, in der die patriarchale, bürgerliche Familienstruktur überwunden hätte werden sollen, so zumindest der vorgegebene ideologische Hintergrund. Tatsächlich scheint es nach den jetzt vorliegenden Berichten (die gab es eigentlich damals auch schon) eine autoritäre Gemeinschaft gewesen zu sein, mit einer von der Gemeinschaft als Norm vorgegebenen Promiskuität, unter der Vorherrschaft eines Brutalo-Patriarcho-Horden- Häuptlings, die bis zum Mißbrauch von Jugendlichen ging. Dass ein Teil der Linken diesem gesellschaftlichen Experiment gegenüber offene oder verdeckte Loyalität übte und noch übt (!), und die Perversion – durchaus im wörtlichen Sinn, also die Verdrehung und Umkehrung – emanzipativer Ansätze durch dieses Experiment nicht erkannte, weist leider auf mangelnde Urteilskraft hin. Hier sind Klarstellungen und Richtigstellungen längst überfällig.