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Julius Mende

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2005-09-11

Glykol leb wohl! Es lebe die Weinkultur!

Jüngere werden es gar nicht wissen, Ältere werden sich kaum erinnern: Vor etwa 30 Jahren gab es einen Weinskandal, der die österreichische Weinwirtschaft vernichtend traf. Viele Weinproduzenten hatten damals die Weine mit Glykol, einem Frostschutzmittel, versetzt, angeblich um den Zuckergehalt zu erhöhen bzw. wegen der Haltbarkeit oder was immer. Glykol ist giftig, der österreichische Wein wurde international geächtet. Wohl auch ein geschickter Schachzug der Konkurrenz, jahrelang haben wir ja das Zeug mitgesoffen.

Jahrzehnte brauchte die österreichische Weinwirtschaft, um sich von dieser Krise zu erholen. Ein wesentliches Mittel dafür war die Forcierung der so genannten Weinkultur. Galt in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts Haschisch als progressive Droge, hat sich die Linke heute voll in die Weinkultur eingeklinkt. Mit jahrzehntelanger Verspätung ist die so genannter Weinkultur bei den Linken angekommen, nicht nur bei der Toskanafraktion.

Da bekommt man Aussendungen vom Architekturzentrum, wo zu Weinarchitekturfahrten eingeladen wird, um von modernen Architekten gestaltete Lager und Keller anzuschauen, Langenlois hat ein hypermodernes Loisium bauen lassen zum Weinverkosten und Ausstellen bzw. als Eingang in Weinkelleranlagen. "Wein und Literatur" sogar in Klöstern wie Stift Göttweig sind Institution, und überall kritische Linke ArchitektInnen und LiteratInnen mit dabei.

Der Wein wird zunehmend Gegenstand politischer Auseinandersetzung. Die "Linken" Lafontain und Gusenbauer mussten sich jüngst in Wahlkampftalkshows vorwerfen lassen, dass sie der burgeoisen Liebe zu teurem Wein huldigen, was ihnen laut Klassenstandpunkt nicht zustünde. Häupl wirbt offen für den Wiener Wein. Unsere linken Freunde haben die Weintouren entdeckt, die gestandene ÖsterreicherInnen seit Jahrzehnten fahren.

Gerade waren wir an der Mosel, wo die Schifffahrt von den Säufern lebt. Mit den Schinakeln kann man gefahrlos mit einem ordentlichen Rausch heimfahren. Die Campingplätze sind mit Wohnmobilen gefüllt, mobiles Wohnen nah am Wein. Im Kurier wird ganzseitig für Weinreisen geworben � es scheint, alle sind weinverrückt: Freunde wählen den neuen Kombi nach dem Kriterium aus, wie viele Weinkisten reinpassen. Die schickeren Weinproduzenten lassen ihre Etiketten von Künstlern entwerfen, vom Konstruktivismus bis zum Phantastischen Realismus kann man alle Stile finden. Bei den Präsentationen sind Künstler wie Nitsch, Lehmden u. a. dann im Fernsehen sichtbar. Und die Linken immer fest dabei. Auch Mira Valensky alias Eva Rossmann ermittelt in ihrem neuesten Krimi im Weinkeller.

Kann man sich für einen guten Schluck nicht ohne das ganze Theater begeistern? Muss ein Linker/eine Linke einen eigenen regionalen Weinbauern (Weinbäuerinnen holen auf) aufsuchen, um eine Sammlung anzulegen? Regionalismus statt Internationalismus � die Supermärkte bieten doch genügend gute Weine. Will man die regionalen Kleinproduzenten fördern, mit ihnen gütig plaudern beim Weinverkosten, den Schmäh für die Touristen mit verkosten?

Die Rehabilitierung des österreichischen Weines ist also voll gelungen, das Saufen durch Kunst und Kultur nobilitiert. Keiner von den langen Nasen würde sich mehr für die Freigabe von Haschisch engagieren oder die Hysterie wegen der Drogentoten kritisieren, während die Besoffenen Österreichs Straßen unsicher machen. Irgendwie macht das kultivierte Saufen scheint�s auch blöd. Oder treibt uns der Frust über die politischen Niederlagen zum Heurigen? Prost!